Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1919-11-01 · Heft 3 (November 1919) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 3 (November 1919)
Date
1919-11-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2827066-2827074-2827077--0542-2827646
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Kip JANKER, VOM FALSCHEN GEIS? DES JUDENTUMS 123 entfiehen, daß nur eine allgemeine Tendenz, keineswegs aber eine tiefe Lebensnotwendigkeit fie gerade an diefer Sadie und nicht an jener mitwirken ließ. Die Beweglichkeit ihres Geifies, auch der Hang zum Guten ließ fie überall damit tätig fein, wo eine meiß zufällige Kon* ßellation fie hingeführt hatte. Aber aus dem Urgrund anderer Gemein* fdiaften mit anderen Nöten und anderen Bedingungen ßammten die Strömungen, von denen jene — wenn audi ah noch fo fichtbarer Stelle wirkfam <— dodi nur getragen wurden. Und es war fchmerzhaft zu fehen, wie hier Geiß und Kraft vertan wurden,- wie hier beßenfalls zu Förderern und Mittlern Menfchen herabfanken, die unter anderen Umfiänden vielleicht Sdiöpfer, jedenfalls aber gefefiigte Naturen hätten werden können, Zwilchen deren Sein und Tun Beziehungen von größerer Unmittelbarkeit und Wahrhaftigkeit möglich gewefen wären. Hier vor allem glaubte der Zionismus, mit feiner Erziehungsarbeit einfetzen zu follen. Das Erlebnis der jüdifchen Gemeinfchaft follte Mittel zum Ziel fein. Durch das neue Zugehörigkeitsgefühl, durch die Konzentrierung aller Kräfte auf ein Ziel, das nun nicht mehr bloß gut und fchön war, fondern — was wefentlicher iß — einer wirklich zutieffi gefühlten Lebensnot entfprang — dadurch follte ein Menfch gefchaffen werden, deffen Horizont fich wohl in einem Sinne verengerte, der aber an Tiefe gewann, was er an Weite verlor,« der durch das neue Erlebnis aus einem Zerfließenden und Hingegebenen ein Gefchloflener und Gefeßigter wurde/ der mit der Herbheit des Mannes von der Idee Befitz ergriff, fiatt mit weiblicher Aufnahmefeligkeit von ihr befelfen zu werden. Und dies Ziel Icheinen wir heute bei einer jüngeren Generation nicht mehr erreichen zu follen,- zumindeß Icheint es in großer Gefahr. Denn wieder dringt die ganze Fülle d£r Bewegungen und Strömungen auf unfere Jugend ein und wieder zerfließt fie nach allen Seiten hin. Ach, was geht jetzt nicht alles an Stimmungen, Ideen und Ideechen, Problemen und Problemchen durch diefe Welt! Man braucht nur eine Zeitfchrift aufzulchlagen und fleht befchämt vor einer noch nicht dagewefenen Fülle von großartigen und erhabenen Gedanken, die nur mehr verwirklicht zu werden brauchen, um uns für immer die Seligkeit zu bringen. Des* halb bedarf man auch in keiner Zeit fo fehr wie diefer des Blick-» punktes, der unverrückbar in die Richtung des felbfigefetzten Zieles weiß/ in keiner Zeit fo fehr wie diefer des Willens "um den guten Weg, damit man ruhig lächeln kann bei dem Gedanken, daß da links und rechts noch viele andere Wege gehen, die ficherlich auch alle gut, ja, wer kann es wiflen, vielleicht noch befler find. In folcher Zeit iß es ein Zeichen von Kraft und eine Tugend, fich verßhließen zu können, nicht nach allen Seiten zu fehen, weil die Gefahr, vom Strom erfaßt zu werden, faß übergroß iß. Wir glaubten unteren. Weg gefiebert/ aber heute zeigt fich, daß ein kleines Gatterdien im Zaune iß, durch das man fchnell in alle Weiten kommt. Und dies Gatter hat der inhaltlich befiimmte Nationalismus in unteren Zaun gebrochen. Es liegt nämlich im Wefen aller Definitionen vom Geiße des Judentums eine Unbeftimmtheit und fchrankenlofe Dehnbarkeit, wie fie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.