Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 3 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2827066-2827074-2827077--0541-2827645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
122 KRO JANKER, PQM'FALSCHEN GEHT DES JUDENTUMS machen. Aber erwachfene Menfihen können nicht wie Kinder nach* holen, was fie als Kinder verfäumt haben. Wenn fie es trotzdem verfachen — und fie verfudien es immer noch —, fo muß daraus eine tiefe Unwahrhaftigkeit entfiehen. Man kann lieh bei niemandem Rat holen, wie man zu empfinden habe, und man kann nicht Geßalten und Ereignifle mit der Brille eines andern fehen, ohne dabei das Schielen zu bekommen. Und tatfädilich haben fie fich alle etwas das Schielen angewöhnt: von den Seiten des Bibeltextes (chweifi der Blick fchneli hinüber auf die Seiten der Schriften, die vorzeichnen, welchen geißigen Gewinn man aus feiner Lektüre zu ziehen habe, und durch welche feelifche Wandlung man feine beßen Kräfie befreien könne. Und der Blick, der nun auf den Urtext wieder zurückfällt, hat feine Klarheit eingebüßt/ ein leichter Nebel umhängt das Auge und erfcheint dem Lernenden als erßes Zeichen beginnender Verinner* lichung. Gewiß zielt der Schrififieller diefer Art darauf, die beßen und tieffien Kräfte im jüdilchen Menlchen zu wecken. Mir Icheint aber, daß diefe Methode bisher das Gegenteil erreicht hat. Denn in dem Beßreben nach einer Innerlichkeit, die entweder gar nicht oder doch in ihrer eigenen, von außen kaum befiimmbaren Art vorhanden iß, mußte Krampf* haftigkeit an Stelle der Natur, Einbildung an Stelle der unmittelbaren Empfindung treten. »Was foll — fagt Nietzfche — noch gehofft, noch geglaubt werden, wenn der Quell des Glaubens und Höffens getrübt iß, wenn die Innerlidikeit gelernt hat, Sprünge zu machen, zu tanzen, fich zu Ichminken, mit Abfiraktion und Berechnung fich zu äußern . . .«. Geweckt hat die beßen Kräfie, deren wir fähig find, bis jetzt immer noch Theodor Herzl, der von allen Vertieferichen längft überwundene Meifier. Gezündet hat bis jetzt nur fein Ruf oder wie Achadhaam bezeichnenderweife fpöttifch fagt —- »der lärmende Ruf von Bafel«. Denn er hat zum Geiß des Lebens gerufen,- fie aber rufen zu einem Geiß, den erfi dies Leben felber gebären kann, für den unter unferen Bedingungen noch kein Platz iß, und der, wie fchon fo oft in unferer Gelchidite, zu einer neuen Entartung führen muß, wenn feinen Lockungen allzu willig gefolgt wird. Neben diefen Lernenden und immerhin ernßhaft Bemühten gibt es noch eine zweite Spezies, deren fallche Nutzung des inhaltlich be* ßimmten Nationalismus in noch höherem Maße den Widerfprudi heraus* fordert, Das find alle diejenigen, die, mit den bereits fixierten In* halten noch nicht zufrieden, fich auch ihrerfeits bemüßigt fühlen, neue Inhalte in das Judentum hineinzutragen und deflen Geiß je nach ihrer eigenen Einfiellung aufs neue zu befiimmen. Ich muß ein klein wenig ausholen, ihre Charakterifierung um fo deutlicher zu geßalten. Als der Zionismus feine Erziehungsarbeit im Wefien begann, da fah er eine Schar von ifolierten Intellektuellen, denen es nicht an Geiß und nicht an Herz gebrach, wohl aber an dem Fundament, von deflen ficherem Bau Geiß und Herz zum Segen wirken konnte. Er fah fie allen Strömungen hingegeben, die Europa bewegten/ er fah fie überall mit am Werke. Und trotz all ihrem Eifer, ihrer häufig fanatifchen Leiden* fchaftlichfceit — ja vielleicht gerade deswegen — mußte der Eindruck