Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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AUS DEN JUGENDORGANISATIONEN 104 Nur der Freitag-Abend wird anders begangen / da gibt es keine Diskuffion und es wird gefungen und vorgelefen,« Agnon, Perez,Scholaum Alejchem, deutfthoder jiddUch« ~ Aber auch wenn für einen Abend kein Zufammenfein der Gruppe verabredet ift, find die meiften jungen Leute doch abends im Heim. Dort, das wiflen fie, treffen fie ihre Freunde, mit denen fie fprechen können, Menlchen verwandter Gefinnung. Das Heim ift ihnen geißig eineHeimat, und ohne dasHeim können fie Geh das Leben kaum noch vorßellen. So vergeht der Tag im Volksheimleben. Ein Abend der Woche gehört der Helfer-Sitzung: da werden Berichte über die Arbeit in den Gruppen gegeben und Fragen besprochen, die die Helferichaft bewegen. Am Sonntag wird gewandert), Jungen und Mädchen, und was das Hinauskommen aus den engen Straßen und den niedrigen Zimmern für die Volksheim-Kinder bedeutet, das fühle ich jetzt erß recht ^deutlich, wo ich, in einem kleinen^tädtchen, faß immer im Freien bin. Der Sonntag Abend vereinigt oft die ältere Heimjugend mit den Helfern zuMufik odergemein famer Ausfprache. Dies das Leben im Volksheim. Kann man es foziale Betätigung nennen? ja — und doch nein. Denn was hier gelchieht ift fern von jeder Philanthropie, von jedem abßrakten Sozialgefühl, vollßändig erfüllt aber von warmer Menlchlichkeit, persönlicher Verbundenheit. Ein Befuch bei einem Kranken wird nicht als Pflicht empfunden, man gehört zu diefen Menfchen, und fo muß man zu ihnen gehen. Und noch etwas andres unterfcheidet das Volksheim vom rein fozialen Settlements Es will nicht nur helfen, nicht nur foziale Not lindern, es will erziehen, ein pofitives Ziel fteht, wenn auch vielleicht im Einzelnen noch nicht deutlich erkannt, über dem Leben dort. Eine beftimmte geiftige Einteilung verbindet die Menlchen: feiner Idee nach iß das Volksheim nicht foziale Inßitution, fondern geißige Gemeinfchaft. — Ich habe vom Volksheim erzählt, einmal, um ein Bild von dem Leben im Volksheim zu geben, und dann, weil vielleicht dem einen oder anderen Lefer das Volksheim helfen kann in der Frage, wie wir jungen Juden Lernen und Leben miteinander vereinigen können. Wir alle haben den Willen, den Zionismus mit unferem Leben eins werden lallen, nicht die Idee des Zionismus neben unfer Leben zu Hellen, fondern leine Forderungen im Leben durchzuführen. Berufseinßellung auf jüdilche Arbeit, Erwerb hebräifcher Kenntnifle find die erßen Voraussetzungen,« fie allein genügen nicht. Es muß hinzukommen: ernßeßes Bemühen, einzudringen in die Welt jüdifchen Getftes, die Kontinuität mit der jüdifchen Geiftesentwicklung in uns herzußellen. Das aber heißt zunächß: lernen, lernen in einfamer Zurückgezogenheit. Eine gewaltige, fihwere Aufgabe für uns, die wir fo ganz von draußen her kommen. Und doppelt fihweiv^ weil es in uns jungen Menlchen zugleich nach Leben Ichreit, nach lebendigem Zufammenfein mit Freunden, mit Menfchen, die wir lieb haben. Wie können wir Lernen und Leben miteinander vereinigen? Das Volksheim fcheint mir einen Weg zu bieten. Noch ift da diefe Ver* einigung von Leben und Lernen nicht gefunden. Aber vielleicht ift man auf dem richtigen Wege. Im Heim kann Gemeinlchaft in Leben und Lernen erwach fen bei gemetnfamer Arbeit der Helfer und Heimjugend/ da lernt man, und es fehlt doch nicht an dem, was wir fo nötig brauchen,!; dem Leben und der lebendigen Beziehung zu Menfchen. Diefe Gemeinfchaft zu fchaffen, nicht irgendwo ifoliert, abfeits vom Volk, fondern mitten in dem großen Ganzen des Volks, das fcheint mir iSinn und Aufgabe des Volksheims zu fein. 7üßingen FRITZ STRAVSS