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Der jüdische Wille · 1919-06-01 · Heft 2 (Juni 1919) · page 38

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 2 (Juni 1919)
Date
1919-06-01
Page
– (sequence 38)
Language
German
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103 AUS DEN JUGENDORGANISATIONEN Helfer von der Mutter zur Tür hinausgefchoben. — Oder ein anderer Junge: der Vater ift einverftanden, daß der Sohn zur Landwirtfchaft geht/ aber er foll endlich eine Stelle antreten. Der Junge geht mit mir zum Arbeitsamt, das Arbeitsamt fchreibt an eine fandwirtfchaftliche Schule, wir fchreiben. Die Stelle ift endlich be~ forgt: da will der Vater fchon wieder anders, und es bedarf aller Überredungskunft, damit der Junge nun doch aufs Land fahren kann. Jetzt ift er auf dent Lande: der Junge fühlt fich wohl, der Vater ift zufrieden. ~ Ein junger Mann aus dem Männer-Klub kommt, und wir unterhalten uns über das, was bei dem letzten Zufammenfein der älteren Heimjugend oder bei der Helferfitzung befprochen und nicht zu Ende geführt wurde. — So kommt oft einer nach dem andern, der Siedler ift feiten allein. Da kommt Befuch, der vom Heim gehört hat: er will etwas erzählt bekommen, was das Heim will, wie es im Heim zugeht,- wir zeigen ihm unfere Räume, die in ihrer einfachen und doch fchönen Einrichtung fchon ein Bild deflen geben, was das Volksheim will. Und fo geht es in dem fchönen »ßillen« Siedler* zimmer — jeder der hinaufkommt, findet es fo fchön ftill dort oben — oft gar nicht fo ruhig her, und aus der geplanten Arbeit des Siedlers ift nicht viel geworden. Doch hat lebendiges Zufammenfein mit Menfchen diefe Stunden erfüllt. Der Vormittag ift verflogen, und ein Teil des Nachmittags verfliegt ebenfo. Da ift der Vater eines Jungen krank/ ich gehe hin und befuche ihn, und aus dem kurzen Befuch, der ge~ plant war, wird eine längere Unterhaltung. Am Nachmittag, gegen 4 Uhr, beginnt im Heim das eigentliche Leben. Da kommen die kleineren Jungen und Mädchen, um in ihren Gruppen von fünf, zehn, fünfzehn Kindern — etwa fünfzehn Gruppen von Kindern, jungen Männern und jungen Mädchen hat das Heim -~ mit ihrem Helfer oder ihrer Helferin zusammen zu fein zum Spielen, Singen, Lefen, zu Handarbeiten oder zu gemeinfamer Unterhaltung. Die Heim-Bibliotbek iß geöffnet, und im Kinder-Lefezimmer fitzen die Kinder bei Spielen oder lefen für fich. Nicht immer geht es dabei ganz ruhig zu und die Helfer, die Bibliotheks-Dienft haben, haben es oft nicht leicht, Ordnung zu fthaffen. Gegen fechs Uhr kommen die Jungen aus meiner Gruppe, fünfzehn-, fechzehnjährige Jungen. Wir lefen zufammen Perez-Gefthichten oder unterhalten uns über einen Artikel aus der »Jüdifchen Rundichau« oder dem »Juden«, oder wir fpielen einmal miteinander, fingen zufammen oder treiben Unfug, Da ift keine Spur von ichulmäßigem Lernen, fondern fröhliches, kameradfchaftliches Beifammenfein. Jeder gibt und jeder» nimmt. Oder es geht hinaus in den Friedrichshain, und dort tobt man fich aus, ift luftig und vergnügt. Die paar Stunden unferes Beifammenfeins find fchnell vorbei* Aber damit ift die Arbeit des Helfers noch nicht getan. Eigentlich dürfte kein Helfer mehr als eine Gruppe haben. Die Gruppenarbeit verlangt fo viel vom Helfer, an Zufammenfein mit der ganzen Gruppe, mit den Einzelnen, fie erfordert ein fo vielfaches Sich-kümmern um die häuslichen Verhältnifle, daß die Befthäftigung mit einer Gruppe einen Helfer voll ausfüllen kann. Und doch war es in diefem Winter nötig, daß ein Helfer zwei Gruppen übernahm: es fehlte an Helfern. Die Arbeit mußte darunter leiden, es war zu viel. Eine Gruppe, eingehen lauen, das wollten wir nicht, und das hätte es bedeutet, wenn fie längere Zeit ohne Helfer geblieben wäre. So gab es denn am Abend eine kurze Abendbrotpaufe, und gleich nachher begann das Zufammenfein mit einer Gruppe von jungen Männern, jungen Leuten von fechzehn bis neunzehn Jahren in der einen, neunzehn bis zwanzig Jahren in der andern, und etwas älteren in einer dritten diefer Gruppen von jungen Männern. Auch hier gemeinfame Lektüre, Befprechungen, Hebräifch*lernen.

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