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Der jüdische Wille · 1919-06-01 · Heft 2 (Juni 1919) · page 35

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 2 (Juni 1919)
Date
1919-06-01
Page
– (sequence 35)
Language
German
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PEREZ, ZURÜCK ZURÜCK 105 ihre SchüfTe. In den ftillen Mqrgenßunden fah man dann an den Zweigen Blutflecken, an denen Schwalbenfedern klebten obwohl die Jäger es gar nicht auf die Schwalben abgefehen hatten. Der Morgenlobgefang des Schwalben volkes unter dem blauen Himmel mußte auch gar oft verßummen. Plötzlich knallte es, und einige der Sänger des Herrn erzitterten und fielen ins Gras herab,- Jagdhunde fanden fie im Gräfe, packten die Sterbenden mit den Zähnen und trugen fie den Jägern zu. Aber die Jäger wollten fie nicht nehmen. Denn fie hatten es garnicht auf die Schwalben abgefehen: fie wollten fich nur im Schießen üben und ihre Handfertigkeit ausprobieren. Der Jiskor, das Totengebet des Schwalbenvolkes, Ichwoll den ganzen Sommer über an. Teder toten Schwalbe galt nur ein einziger Seufzer, aber aus allen den Seufzern war den Sommer über ein langes Klagelied geworden, fo lang wie der Golus. Dafür mehrten fich aber auch die Wunder. Viele Schwalben hatten Wunder und Zeichen erlebt,- fie hatten es wohl dem s'chus owaus, dem frommen Verdienfie ihrer Ahnen, zu verdanken. Manche, die herab^ fielen, brachen fich nur ein Beinchen, renkten fich nur ein Glied aus. Manche wurden nicht richtig getroffen und nur an den Flügeln ver^ wundet. Die Verwundeten verloren nur die Kraft und die Liebe zum Leben, aber nicht das Leben felbß. Und die Zahl derer, die folche Wunder erlebt hatten, wuchs von Tag zu Tag und mit ihnen die Zahl derer, welche fagten: »Garn su letauwo, *- Auch das iß zu unferem Beßen! Wir find ja immerhin mit dem Leben davongekommen! Alfo bleiben wir auf den Zweigen fitzen. Und wenn wir unfere Flugkraft verloren haben, fo hüpfen wir eben im Gräfe herum und leben wie die Feldmäufe. Wie die kleinen Feldmäufe: die find ja auch Gefihöpfe Gottes!« »Das find die Frommen!« Tagten die Schwalben von ihnen. Andere fagten auch: »Das find Heilige!« Und man ernährte fie auf Gemeindekofien. Da ging aber der Sommer zu Ende! Das Zwitfchern: »Zurück! Zurück!« klang traurig und bang. In unferer Spräche heißt das: Es wird immer kühler. Kühler werden die Tage, länger die unruhigen, kalteii Nächte. Der Himmel wird immer grauer. Die Sonne iß keine echte Sonne mehr. Sie iß mehr ein Spiegel als eine Sonne. Starre weiße Marmorblöcke ziehen durch den Himmel. Vielleicht find es auch Eisbären. Sie ballen fich zufammen und verdecken immer mehr den Himmel und das Licht. Und immer ängßlicher tönt das Gezwitlcher: Zurüdt, zurück! Zurück, zurück! Das heißt: Die Nahrung und die Luft werden immer knapper. Die Blätter bekommen goldene Ränder, werden aber immer fchwächer:. fie können auch die leichteße Schwalbe nicht mehr tragen. Und die dünnen Zweige verdorren und brechen ab. Das Gezwitlcher zieht von Zweig zu Zweig, von Baum zu Baum, von einem Ende des Waldes zum andern: »Wir müffen Rat halten! Erhebt euch!«

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