Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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SCHUTZ, JÜDISCHE ERLEBNISSE 103 zehn Kameraden anders geforgt. Im Winter 1915/1916 hatten wir die Sammlungen für ein Denkmal in die Hand genommen und bei den Ruffen die erforderlichen Schritte wegen der Genehmigung untere nommen. Wir brachten etwa zweihundert Rubel zufammen, wobei die Opferwilligkeit der galizifchen im Vergleich zu der der ungarifchen Juden bedeutend größer war. Anfang Mai 1916 war das unter den ichwierigfien Bedingungen gefchaffene Denkmal fertig aufgeßelft. Eine hebräifche und ruffifche Infchrift fowie die Namen aller Geßorbenen waren darauf eingemeißelt. Die angefehenßen Leute der Stadt fuhren nach dem etwa eine Stunde von der Stadt entfernten Friedhof hinaus, um fich das Denkmal anzufehen, und einige traten an die Lagerleitung heran und baten um die Erlaubnis, fich bei den Kriegsgefangenen für die Gräber ihrer Angehörigen «auch Denkmäler zu beßellen. Ein Lichtbild des Denkßeins iß feinerzeit in der Illußrierten Beilage der »Voffifchen Zeitung« reproduziert worden. Daß die jüdifchen Kriegsgefangenen von den Rußen irgend* wie fchlecfater behandelt worden wären, habe ich nicht bemerkt. Zu allen Feiertagen gab man ihnen dienßfrei. Daß fie am Sabbat nicht arbeitsfrei waren, lag mehr am Widerßand unferer eigenen Feldwebel als der Ruffen, wie überhaupt die Juden von eigenen »Kameraden« mehr auszußehen hatten als von den Ruffen. Zu Peßach wurde es regelmäßig erlaubt, aus der Stadt alles Erforderliche einzu* kaufen. Zu den Feiertagen wurde eine größere leere Baracke zum Gottesdienß zur Verfügung geßellt und der Befuch des für die ruffifche jüdifchen Soldaten in Friedenszeit eingerichteten Bethaufes geßattet. Die in Nikolsk wohnenden Juden, etwa fünfzehn Familien, waren offiziell alle rechtgläubig. Das ging ganz leicht. So erzählte einer, daß er, als ihm vor etwa fünfzehn Jahren die Ausweifung drohte, zum Popen ging und dort für einige Rubel eine Bescheinigung erhielt, wo^ nach er und feine Familie rechtgläubig feien. Seiner Frau und feftien Kindern fagte er nichts davon, fo daß diefe etwa zehn Jahre lang nichts von ihrer bereits erfolgten Taufe wußten. Sie alle bedauerten fehr, daß fie keinen jüdifchen Lehrer hatten, und die Tränen Banden ihnen in den Augen, wenn fie davon fpradien, daß die Kinder in fo völliger Unkenntnis jüdifchen Willens und der hebräifchen Sprache aufwücfafen. Befonaers firäuben fie fich mit aller Gewalt gegen die Mifchehe. Dafür fei folgendes Beifpiel angeführt: Ein Transport chrifilicher Kriegsgefangener, die längere Zeit auf der Infel Sachalin gearbeitet hatten, richtete uns nach seiner Rückkehr ins Lager folgendes aus : In der Hauptfiadt diefer Infel lebe eine einzige jüdifche Familie mit einer erwachsenen, heiratsfähigen Tochter. Mehrere chrißliche Freier habe fie bereits abgewiefen. Es folle irgend ein kriegsgefangener Jude hinkommen. Ihn würde die Tochter ohne weiteres heiraten, ^eider war von uns keiner mutig genug, um die Jungfrau auf der einfamen Infel zu erlöfen und damit dem Judentum zu erhalten. Nach der Revolution war es für die Kriegsgefangenen infolge der größeren Freiheit eher möglich, mit der jüdifchen Zivilbevölkerung in Beziehungen zutreten. Als einß in Omsk ein nationaljüdifches