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Der jüdische Wille · 1919-06-01 · Heft 2 (Juni 1919) · page 32

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 2 (Juni 1919)
Date
1919-06-01
Page
– (sequence 32)
Language
German
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102 SCHUTZ, JÜDISCHE ERLEBNISSE der anderen Lager wurde von Spiegel der Kurfus wieder aufgenommen und florierte einige Monate. Zwilchen Gruber und Spiegel entwickelte fich von Lager zu Lager ein Briefwechfel in hebräifdier Sprache. Spiegel fandte uns eine Reihe von ihm gedichteter hebräifdier Gedichte, die ich mit Unterfiützung zu verfiehen vermochte. Was aus Gruber geworden iß, weiß ich nicht. Er fitzt wohl jetzt noch in Weßfibirien in japanifiher Gefangenlihaft. Spiegel ging leider in Sibirien zu Grunde und zwar, wie man wohl behaupten kann, aus Liebe zum Zionismus. Von dem Wunfihe befeelt, die Landwirtfihaft praktilch kennen zu lernen, befchloß er, nach der Revolution im Frühjahr 1917 fich einem Landarbeiter* transport, der nadi Südoftfibirien ging, anzufchließen. Audi ich fuhr mit. In der Kirgifenßeppe im Altai-Gouvernement landeten wir und kamen in verfchiedene Dörfer, blieben aber durch Briefwedifel und perfönliche Befuche in Beziehung. Idi merkte bald, insbefondere durch einen ruffifihen Arzt gewarnt, daß die Feldarbeit in diefem Klima uns körperlich ruinieren müßte. Ich fuchte daher eine andere Betätigung in dem in Sibirien fehr entwickelten Genoflenfihaftswefen. Spiegel ließ fich von feinem Entlchluß nicht abbringen. Die ganze Woche über arbeitete er auf dem Felde beim Einbringen des Heues und der Weizenernte, machte fich mit den dort gebrauchten, meiß aus Amerika bezogenen landwirtfchaftlichen Malchinen, mit der Viehhaltung und der Butterproduktion vertraut. Dabei war das Elfen nicht ausreichend, da die Rußen dort die monatelangen Fafienzeiten fireng innehielten und in diefer Zeit jeden Fleifihgenuß verlchmähen. Erft im November 1917, als die Hauptarbeit vorbei war, ließ Spiegel fich anläßlich eines gemein* famen Befuchs in der Stadt Semipalatinsk dazu bewegen, die Arbeit beim Bauern aufzugeben und in einem größeren Dorf eine Stelle als Dorffthullehrer anzunehmen. Es war jedoch fihon zu fpät. Er kränkelte zufehends, fo daß er fchließlich Anfang Mai in das Krankenhaus der Kriegsgefangenen in der Stadt Semipalatinsk gebracht werden mußte. Seine Lunge war fiark angegriffen, und die Ärzte gaben keine Hoffnung auf Genefung. Bei diefer Gelegenheit zeigten fich die guten Seiten der anderen galizifihen Juden im hellßen Lichte. Da die Wärter fich dem Kranken aus Furcht vor Anßedkung nur fehr feiten näherten, eine dauernde Wartung aber nötig war, einigten fidi die Galizier mit ganz geringen Ausnahmen, ihn zu je zweien täglich zu pflegen und zwar auch die Nacht hindurch bei ihm zu wachen. Diefe Selbßver* leugnung erregte in weiten Kreifen der Kriegsgefangenen Auffehen und große Anerkennung. Leider war alles umfonß. Am 29. Mai 1918 fiarb er. Die .einheimifchen Juden halfen uns bei den Vorbereitungen zur Beerdigung. Unter großer Beteiligung auch chrifilicher Kameraden, die den Verftorbenen gekannt und hochgeichätzt hatten, ging es außer* halb der Stadt am Tataren* und Kirgifen*Friedhof vorbei durch den von der Sonne glühenden Sand nadi dem in der Steppe liegenden jüdifdien Friedhof. Man zeigte uns das Grab eines bereits im Jahre 1915 dort beerdigten Kriegsgefangenen, deflen Namen keine Tafel bekundete. Da hatten wir doch im früheren Lager fn Nikolsk für das An* denken der dort verßorbenen und auf dem jüdifdien Friedhof beerdigten

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