Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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SCHUTZ, JÜDISCHE ERLEBNISSE 101 feien fchuld. In der Baracke fammelten fich die Leute, meiß Wiener Pöbel, und warteten, bis alle Juden fchlafen gegangen waren. Gegen Mitternacht verßellten fie die Ausgänge der Kojen, in denen haupt* fächlich Juden auf den Holzpritfchen lagen und begannen mit Stöcken und Holzbänken auf die Juden loszufchlagen, die garnidit wußten, worum es fidi handelte, fliehen wollten, aber die Ausgänge verfperrt fanden- Schließlich gelang es einem, fich durch eines der fchmalen Fenßer hindurchzuzwängen und ruffifche Soldaten herbeizurufen, die dem Tumult ein Ende machten. Am andern Tage wurden die beiden Anführer eingefperrt. Bei ihrer Vernehmung durch einen ruffifchen Offizier fagten fie mit größter Seelenruhe, fie hätten geglaubt, in Rußland feien die Juden rechtlos, fo daß es erlaubt fei, fie totzufchlagen. Der ruffifche Offizier erwiderte darauf, die ruffilchen Juden feien zwar nicht gleichberechtigt, hier handele es fich jedoch um Kameraden, die alle gleichberechtigt feien. Die beiden Täter bekamen je einen Monat Arrefi, worauf deren Anhänger erklärten, das nächße Mal würde es nicht fo gut ablaufen, da würden fchon einige Juden liegen bleiben müflen. Die geängßigten Juden wandten fich an unfern Regimentsarzt um Schutz mit der Bitte, ihnen bei den Ruflen die Einräumung eines andern Schlafraums zu erwirken. Anftatt deflen drehte der Regimentsarzt den Spieß um und beantragte bei den Rulfen eine Unterfudbung gegen die Juden wegen fahrläffiger Vergiftung eines Mannes. Die Folge war, daß die Fleifcher nicht mehr ins Schlachthaus gehen durften, trotzdem 4er fiädtifche ruffifche Tierarzt bekundete, daß die Juden alle Tage nur frifche, von ihm unterfuchte Lebern mitgenommen hatten. Gerade in diefer Zeit kam zufällig auf ein bis zwei Wochen ein ößerreichifcfaer Oberft als Kriegsgefangener in unfer Lager. Ich ging fogleich zufammen mit einem ößerreichifchen Einjährigen zu ihm, um ihm die Zußände im Lager zu fchildern. Der Oberß, von Nationalität ein Pole, nahm fich der Sache an, verfchaffte den Juden diefes Bataillons ein eigenes, bedeutend befferes Quartier und fagte dem Regimentsarzt vor allen Ärzten feine Meinung. Ich hatte mich befonders mit zwei galizifchen Juden befreundet, einem gewiflen Gruber, der in einem kleinen Städtchen hebräifcher Sprachlehrer gewefen war, und einem Einjährigen Spiegel, der fich «durch Selbfiunterricht bis zum Abiturientenexamen durchgearbeitet hatte und dann in eine Bank eingetreten war. Beide waren Zionifien und fogleich dabei, als ich die Einrichtung eines hebräifthen Sprachkurfus anregte. Wir waren etwa zwanzig Teil» tiehmer. Qie Leute, die fchon in Galizien viel hebräifch gelernt hatten, wollten zunächß die alte, bei ihnen gebräuchliche Ausfprache beibe* halten. Die Mehrzahl aber war für die moderne Ausfprache, die dem Lehrer Gruber auch geläufig war. Der Kursus klappte einen Monat tadellos. Da kam plötzlich ein Befehl von den Ruflen, daß noch zwei andere Lager in der Stadt mit Kriegsgefangenen belegt werden feilten. Von den zwölf Bataillonen des Lagers kamen acht fort, und von «fen Teilnehmern des Kurfus blieben nur zwei Leute zurück. In einem