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Der jüdische Wille · 1919-06-01 · Heft 2 (Juni 1919) · page 30

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 2 (Juni 1919)
Date
1919-06-01
Page
– (sequence 30)
Language
German
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100 SCHUTZ, JÜDISCHE ERLEBNISSE längfi angekündigtes Geld nicht erhalten hätten, fragte der Arzt, ob fie nicht die Beobachtung gemacht hätten, daß die Juden ihr Geld fiets regelmäßig bekämen, die Chrifien aber nicht. Die Leute verneinten dies und erzählten es dem jüdifchen Schreiber, der bei der Geldaus* Zahlung mitwirkte, fogleidi weiter, damit er gegen diefe Verdächtigung Front mache. Einmal kam der Regimentsarzt eines befonderen Günfi* lirigs, eines Ungarn, wegen, der auch feit langem Geld erwartete, zum ruffifchen Offizier, der gerade Gelder auszahlte und fägte, auf den Schreiber deutend, in gebrochenem Ruffifch: »Herr Offizier, das iß ein Jude, ein Gauner, der hier einem Mann Gelder unterfchlagen hat.« Trotzdem der Schreiber fogleich dem Arzte die Bücher vorlegte, aus denen fich ergab, daß gerade wegen diefes noch nicht eingegangenen Betrags die Polt um Erledigung erfucht worden war, wiederholte der Arzt obige Worte. Der galizifche Schreiber erwiderte deutfeh: »Herr Regimentsarzt, ich ßehe hier vor Ihnen nicht als Jude, fondern als k. k. öfierreichifcher Infanterifi« und wollte fich auf den Regimentsarzt Kürzen, um ihm ein paar Schläge zu verfetzen. In diefem Moment brach er vor Erregung zufammen. Der Regimentsarzt verfchwand fofort. Der ruffifche Offizier, der das gebrochene Ruffifch des Arztes nicht verßanden hatte, bat die anwefenden Kriegsgefangenen, ihm zu erklären, was denn eigentlich los fei. Als ihm die Worte des Arztes mitgeteilt wurden, fagte er, er hätte, wenn er alles richtig verßanden hätte, den Arzt fofort einfperren lalfen. Er werde dem Arzt verbieten, jemals wieder diefes Bataillon zu betreten. In demfelben Bataillon kam es bald nachher zu einer richtigen Judenverfolgung. Der Sachverhalt war folgender. Vier oder fünf jüdifche Fleifcher gingen täglich aus dem Lager ins fiädtifche Schlacht* haus, um die von den Bauern dorthin gebrachten Rinder fchlachten zu helfen. Es beßand nun unter den Bauern der Brauch, Lebern und Lungen, die fie nicht gern aßen, den Schlächtern zu fchenken. Das machte fo viel aus, daß die Leute gar nicht imfiande waren, alles nach der Arbeit ins Lager mitzunehmen. Sie fuchten die beßen Lebern aus und brachten jeder etwa dreißig bis vierzig Pfund täglich ins Lager. Einen Teil "der Lebern bekamen die Feldwebel, der größte Teil wurde n einem großen Spezialfpeifehaus für gebratene Rindsleber zu zehn! Kopeken die Portion verkauft. Das ging eine Zeitlang ganz gut. Die ,( uden verdienten fchön, die anderen hatten billiges, gutes Böen. Die leidtragenden waren die anderen Speifehausbesitzer, die das Fleifch nicht fo billig bekamen. Eines Tages fiarb im Krankenhaus ein chriß* lieber Kriegsgefangener, der nach Angaben eines Wärters über den Genuß verdorbener Wurft geklagt hatte. Sogleich wurde dies dahin verdreht, daß die jüdifchen Fleifcher verdorbene Lebern hereinbrächten. Diefes Gerücht fand noch eine Stütze, als einige Leute insgeheim den Fleifchern einige Stüdke rohe Leber entwendeten und unferen Ärzten zur Uflterfuchung brachten. Einer der Ärzte, der zu bequem war, um erft eine große Unterfuchung vorzunehmen, andererfeits nicht wußte, worum es fida handelte, erklärte, es fei in jedem Falle richtiger, die Irebern einzuftharren. Nun war es für die Leute feßgefiellt, die Juden

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