Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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SCHUTZ, JÜDISCHE ERLEBNISSE 99 Charakter. Ich habe z. B. folgenden Falf in Erinnerung, Der ruffifche Bataillonskömmandeur zahlte mit der Pofi angekommene Geldef aus. Ein Galizier namens Neumann bekam c&dßig^Rubel ausgezahlt Er fagte fofort, er habe keifje Verwandten, von denen er Geld zu erwarten habe, es müffe ein Irrtum fein. Der Offizier erwiderte, es fiimme fdion, er habe keinen zweiten Neumann im Bataillon. Neumann, der nicht Handel trieb und -daher kein Geld befaß, nahm die dreißig Rubel und quittierte darüber. Nach etwa zwei Monaten (teilte es lieh dodi heraus, daß aas Geld für einen anderen Neumann eines anderen Bataillons be<* fiimmt war. Unfer erfier Neumann wurde geholt und legte dem Offizier nach Kenntnis des Sachverhalts diefelben dreißig Rubel fofort auf den Tifch. Er hatte es nicht fertig gebracht, das ihm nach feinem Empfinden nicht gehörige Geld anzutaßen. Die Leute, die Handel trieben, zu denen audi eine große Anzahl Reichsdeutfche und Ungarn gehörten, hatten natui^emäß keine Zeit arbeiten zu gehen. Da fanden lieh immer genügend Ungarn, die lie für fünf bis zehn Kopeken täglich als Erfatzleute bei der Arbeit vertraten. Offiziell war der Handel innerhalb des Lagers zwar ver* boten, und oft wurde dies Verbot wiederholt, hin und wieder auch einige Wochen ßreng durchgeführt, indem man die Waren befchlagnahmte und die Händler einfperrte. Aber gewöhnlich drückten die ruffifchen Feldwebel, die die Aufficht in den einzelnen Bataillonen hatten, gegen entfprechende, nach dem Umfang des Betriebs abgeßufte Abgaben beide Augen zu. Die ungarifchen Juden betätigten fich weniger als Kauf* leute. Durchweg fiark ungarifch^patriotifch und demzufolge öfterreich* feindlich gefinnt, gaben fie ihre Abneigung gegen galizifche Juden offen zu erkennen und fonderten lieh in einzelnen Bataillonen auch räumlich von ihnen ab. Für allgemeine jüdifche Intereffen hatten fie nichts übrig, waren andererfeits, wenigfiens foweit fie aus befiimmten Bezirken flammten, äußerft orthodox und talmudkundig. Den Zionismus lehnten die Ungarn durchweg ab, da es ihnen gut ginge und fie unter Anti* femitismus nicht zu leiden hätten, wenigfiens in der Heimat nicht. Innerhalb des Lagers machte fich bald ein ziemlich fiarker Anti* femitismus geltend, der auf verschiedene Gründe zurücfcgftführen war. Der hauptfächlichfte Grund war der Konkurrenzneid der nichtjüdifchen Händler, die der Konkurrenz nicht gewachfen waren nnd daher unter ihren Kunden den Haß fchürten. Es kam hinzu, daß die galizifchen Juden kraft ihrer überaus fchnell erworbenen Kenntnis der ruffifchen Sprache und Schrift einen überragenden Einfluß als Dolmetfcher und Leiter der einzelnen Bataillonskanzleien ausübten. Nun beßand aber in einem andern Bataillon, dem vierten, faß die ganze Mannfchaft aus Wienern, meifi Pöbel chrifilich*fozialer Richtung, und hier hatten die Juden naturgemäß einen befonders fchweren Stand. Während die Kriegsgefangenen fich fonfi in Notlagen an ihre eigenen kriegsgefangenen Ärzte zu wenden pflegten, war in diefer Hinlicht Abhilfe von ihnen nicht zu erwarten, weil der leitende Regimentsarzt, ein Ungar, fich felbfi wiederholt antifemitifch betätigte. Als einige Leute diefes vierten Bataillons fich an den Regimentsarzt um Hilfe wandten, weil fie von Haufe