Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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98 SCHUTZ, JÜDISCHE ERLEBNISSE Die größte Anpaffungsfähigkeit zeigten einige mährifihe und die meiften galizifchen Juden. Ihre Kenntnis der tfdiedilkhen bezw. polnifchen Sprache erleichterte ihnen die Verltändigung in der wefensverwandten ruffifchen Sprache. Die fdion im Jahre 1914 Angekommenen hatten fidi frei in der Stadt bewegen können und dort mit Juden und Ruffen Bekanntfchaft gefchloffen. Als Anfang 1915 die Fälle lieh mehrten, daß die Kriegsgefangenen teils verfchiederie Kleinigkeiten in der Stadt mitgehen hießen, teils immer häufiger über die nur 80 km entfernte chinefifche Grenze nach China zu entkommen verfuditen, ließen die Hüffen um die von den Gefangenen bewohnten Kafernen mit einem Koßenaufwande von fechzigtaufend Rubeln einen hohen Bretterzaun durch Chinefen aufbauen. Die Handelsbeziehungen waren dadurch zwar erfdhwert, aber nicht unterbunden. Die Galizier ließen durch die ruffilchen Pölten alle Arten von Lebensmitteln hereinbringen, hatten an der über einen Kilometer langen Hauptftraße innerhalb des Zaunes und innerhalb der einzelnen Baracken Verkaufsßellen, ja fogar ganze Reftau* rants eingerichtet. Es gab' Verkäufer von Zwiebeln <1 —2 Kop. das Stück), Eiern <roh 2 Kop., gekocht 3 Kop.), Butter <Pfd. 30—40 Kop.), Semmeln <4~5 Kop.), Pfannkuchen <2—3 Kop.), tadellofer Torte <4-5 Kop.), Honig <20-30 Kop. das Pfd.), Schweinefdimalz <18-20 Kop. das Pfd.), Sahnenbonbons <1 Kop. das Stück), Erdnüffen <3 Kop. eine volle Hand), Zucker <18~20 Kop. das Pfd.), Schweizer Kakao <70~75 Kop. Va Pfd. Büchfe), kalifornifchen Äpfeln <3—6 Kop. das Stück), Zigaretten <V2-3 Kop. das Stück), Zigarettenpapier <300 Blatt 10-20 Kop.), Tabak in allen Preislagen, Wurft und Schinken <40—50 Kop. das Pfd.), frifcher Milch <5—10 Kop. die Flafche), amerikanifcher Kontervenmilch <kleine Büchfe 13 Kop., große Büchfe 26 Kop.), Braufelimonade auf Eis <10-12 Kop. die Flafche), Reis <10 Kop. das Pfd.), Fleifdi <15~*20 Kop. das Pfd.), Leber <10 Kop. das Pfd.), Rollmops <5 Kop. das Stück). Eine Portion Gulafch koßete 15 Kopeken, ein Teller Milchreis mit Zimt und Zucker desgl., ein Wochenabonnement für Mittag <Fleifchfuppe, Braten, Gemüfe und Mehlfpeife) und Abendbrot <Fleifch und Kartoffeln oder Fleifch und Gemüfe) zufammen 3l/2 Rubel. Diefe für das Jahr 1915 geltenden Preife blieben infolge der ftarken Konkurrenz fo niedrig, trotzdem die Nachfrage bei der großen Zahl 4er Kriegsgefangenen <Mitte 1915 waren es dort etwa 15 000 Mann) fehr ßark war. Es gab allerdings unter den Galiziern eine ganze Reihe vornehmer denkender Leute, die es für unter ihrer Würde hielten, Handel zu treiben, die aber dann zum großen Teil von anderen mit Geld unterftützt wurden. Diefe gegenfeitige Unterßützung macht es erklärlich, daß die Galizier trotz der anfänglich im Lager herrfchenden Typhus* und Skorbutepidemieen fich durchweg gefund erhalten konnten. Mir wurden wiederholt von galizifchen Juden, die fahen, daß ich aus Mangel an Geld wenig kaufte, Darlehen, natürlich zinslos, ange* boten, und ich hätte Hunderte von Rubeln von ihnen erhalten können. Wie es unter ihnen einzelne moralifch nicht ganz Einwandfreie gab, traf man mitunter wieder Leute unter ihnen mit äußerß anftäjidigem