Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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SCHUTZ, JÜDISCHE ERLEBNISSE 97 zu bleiben wünfthten, ja uns nur in den Liften als chriftlich einzutragen brauchten. Er würde der Änderung der Liften keine Schwierigkeiten in den Weg legen, und wir dürften dann ohne weiteres in die gute Baracke der Einjährigen einziehen. Mein Leidensgefährte erklärte fich bereit, auf diefen vorfihlag einzugehen, da er von der Weiterfahrt nach Oftfibirien Nachteile für Leben und Gefundheit befürchtete. Ich lehnte die Umfchreibung ab. Bei diefer Gelegenheit erfuhren wir, daß auch die fechs bis acht galizilchen Einjährigen in den Liften als Chriften eingetragen waren. Der tfchecEifihe Offizier kam mir weiter dadurch entgegen, daß er fich erbot, mir bei dem etwa eine Woche fpäter zu erwartenden Weitertransport das Kommando über einen Waggon kriegsgefangener Türken zu übertragen. Ich nahm diefes Angebot unter der Bedingung an, daß ich auch einige deutlche und öfterreichifche Juden zur Gefell* fchaft mit in den Waggon nehmen dürfe. Er bewilligte meine Bitte, fo daß ich auf der auf mehrere Wochen berechneten Fahrt wenigftens einige Leute zur Gefellfchaft hatte, mit denen man ein Wort fprechen konnte. Etwa eine Woche nachher traten Juden> Ungarn und Türken zum Abtransport nach Oft^Sibirien an. Jeder Viehwagen follte etwa zweiunddreißig Leute enthalten, fo daß ich für meinen Waggon fiebzehn Türken und fünfzehn Juden erhielt. Die Türken, darunter auch Araber und Kurden, waren erfreut darüber, daß fie unter der Leitung eines Juden weiterfahren follten. Sie beeilten fich, uns durch Zeichenfprache vermifiht mit ruffifthen Brocken verßändlich zu machen, daß auch fie kein Schweinefleifih effen dürften und befihnitten wären. Dem Studenten übrigens, der zurückbleiben wollte, erging es nicht nach Wunich. Vor dem Abmarlch zur Bahn fiel es einem ruffifihen Offizier ein, nochmals die Liften zu verlefen. Er bekam von den wiederholt aufgenommenen Liften gerade eine folche in die Hand, in welcher der Student noch als Jude eingetragen war. Er ließ ihn herbeiholten und mit uns mitfahren. Ich nahm ihn mit in meinen Waggon. Nach mehr als dreiwöchiger Fahrt landeten wir in einem großen Lager in der Stadt Nikofsk^UfTurisk, etwa 100 km von WladiwoßoL Im Lager waren etwa fünfzehntaufend Kriegsgefangene, darunter etwa fünfhundert Juden, mit uns Neuankommenden atfo insgefamt faß: fiebenhundert. Manche waren fihon feit Oktober und November 1914 da and kamen eifigft herbei, um uns zu begrüßen und zu fehen, ob nicht etwa Bekannte darunter wären. Ich traf zwei fihlefifihe Juden, die fihon feit November 1914 da waren, Polt* und Qeldverbindung mit der Heimat hatten und bereits wußten, wen man beftechen mußte, wenn man irgend eine Gefälligkeit haben wollte. Die Juden waren hier nicht, wie vorher in Tjumen, alte in einem Bataillon vereint, fondern unter verfihiedene Bataillone verteilt. Sie mußten ebenfo wie alte andern auf Arbeit gehen, die befonders im Sommer, wenn die Hitze bis 50° C ftieg, nicht angenehm war.