Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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96 SCHUTZ, JÜDISCHE ERLEBNISSE angezogen, fpradhen perfekt ruffifch, trugen Brillantnadeln und JRinge und benutzten am Feiertage ßarkduftende Parfüms, Die Frauen trugen durchweg prächtige Pelze, Einer der Herren, mit dem ich mich deutfch verftändigen konnte, forderte mich auf, während der ganzen Feiertags* woche zu ihm fpeifen zu kommen und noch zehn bis fünfzehn jüdifche Kameraden mitzubringen. Er wollte uns dann, da er am Feiertage felbft kein Geld bei fich trug, mit Geld aushelfen. Leider war es nicht möglich, diefer Einladung zu folgen, da nur Öfterreicher, die fich als Slaven bezeichneten und fidi mit den Ruflen verftändigen konnten, ohne Poften in die Stadt gehen durften, wir felbft mit Poften nicht. Die einheimifchen Juden erzählten uns ferner, daß zwar ihre wirtfchaft> liehe Lage günftig fei, daß ihnen aber von den Behörden durch alle möglichen Verfügungen das Leben fehr fauer gemacht werde. Abgefehen von dem Gottesdienft im Tempel wurde regelmäßig in der Baracke gebetet, auch wurde der Seder am Peßachabend dort abgehalten. Eine Schwierigkeit beftand darin, daß vorlchriftsmäßiger wein zum Seder nicht aufgetrieben werden konnte. Man half fich damit, daß man von den ruffifthen Poften aus der Stadt Rofinen bringen ließ, aus denen ein genießbarer Wein hergeftellt wurde. Das Vorlefen aus der Hagada wurde dem Älteften, dem fiebzigjährigen Zivilgefangenen aus Ungarn, übertragen. Er hatte aber kaum einige Seiten vorgelefen, als ihn die Erinnerung daran, wie er noch ein Jahr vorher im Kreife der Familie fo ganz anders den Abend verbracht hatte, übermannte, fo daß er vor Tränen nicht weiter lefen konnte. Einigen andern, die ihn ablöften, ging es ebenfo. Es war ein trauriger Seder. Die Stelle, »diefes Jahr Knechte, nächftes Jahr freie Leute« wiederholte jeder einzelne mit wirklichem Gefühl. Die Gegenfätze, die fonft zwißhen den ungarifchen und galizifchen Juden oft bemerkbar waren, waren ver~ Ichwunden. Alte fühlten wir uns als Mitglieder einer Familie. Befonders angenehm war es in diefem Lager, daß die Juden zu keiner Arbfeit herangezogen wurden, Sonft wurden die Kriegsgefangenen dort damit befihäftigt, aus der Eisdecke des FlulTes Tura ftarke Eis* blocke herauszubrechen. Die Nichtbelchäftigung der Juden hatte ihren Grund darin, daß diefe Stadt für Juden nur ein Durchgangspunkt war. Das erfuhr ich durch folgenden Vorfall: Am dritten oder vierten Tage unferer Anwefenheit erzählte mir einer der wenigen deutfehen Juden, der Student, daß eine befonders Ichöne Baracke innerhalb des Lagers für Einjährige eingerichtet fei. Wir gingen dorthin und trafen dort fechs bis acht jüdifche Einjährige <Galizier>. Wir fragten den Kommandanten der Baracke, einen kriegs* gefangene» Polen, ob wir auch das Recht hätten, in diefe Baracke überzufiedeln. Er erwiderte, daß Juden in die Baracke nidtt aufge^ nommen werden dürften. Mit diefem Beßheide gaben der Student und ich uns nicht zufrieden und gifigen zu dem aas Lager kitenden tfchechifchen Oberleutnant. Er erklärte uns, daß nach den Anweisungen der Ruflen in diefem Lager Juden nicht bleiben feilten, fondern nur gefammelt und dann weiter nach Often abgelcfedben würden. Er gab uns zu verliehen, daß wir, falls uns das Lager gefiele und wir hier