Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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94 SCHÜTZ, JÜDISCHE ERLEBNISSE JÜDISCHE ERLEBNISSE IN SIBIRISCHER KRIEGSGEFANGENSCHAFT Nachdem ich am 27. Februar 1915 bei Praßnylch in Polen in Kriegsgefangenfchaft geraten war, ging es zunächß zu Fuß nach Warfdiau. Auf dem Marfche sahen wir wiederholt, wie einzelne ältere jüdilche Männer gefesselt, von je zwei Polten bewacht, an* fäieinend als Spione abtransportiert wurden. Die Städtchen, durch die ich kam, unter anderen auch die Feftung Pultusk, wiefen eine ßarke jüdifihe Bevölkerung auf, die ßhon an die Schrecken des Krieges ge^ wohnt zu fein fthien. Denn als ein deutfiher Flieger einige hundert Meter vor uns mitten auf die Hauptßraße zwei Bomben herabwarf, flüchteten lie nicht, wie ich es eigentlich erwartet hätte, eiligß in die Häufer, fondern blieben ruhig auf der Straße flehen und fchauten zum Flieger hinauf. Mich anzubrechen wagte keiner, obwohl ich insbe* fonciere durch meinen Vollbart unlchwer als Jude zu erkennen war. Erft hinter Moskau wagte es hin und wieder ein Jude, uns auf den Bahnhöfen, auf denen wir uns freier bewegen konnten, anzufprechen. Einer gab mir einmal ganz verfiohlen den Rat falls ich etwa JKriegs^ freiwilliger fei, es aur Befragen nicht anzugeben, weil ich dadurch Nachteile haben könnte. Nach etwa zweiwöchiger Fahrt machten wir in der Stadt Tjumen in Wefifibirien Halt. Ein ruffilcher Oberfi, der deutfih fprach, teilte den aus etwa taufend Mann befiehenden Transport nach Nationen ein, und zwar Reichsdeutfche, ößerreichifche Deutfche, Ungarn, Slaven. und Juden befonders. Die Abteilung der Juden war die kleinße, etwa zwölf bis dreizehn öfierreichilche und ich als einziger reichsdeutfdier Jude. Der ruffißhe Oberfi war über unsere geringe Zahl erßaunt und erklärte, laut: Ihr Juden könnt ohne Furcht vortreten, es wird Euch kein Unrecht geßhehen. Ihr kommt zu Juden ins Quartier und werdet zu dem kommenden Paflahfeß Mazzes erhalten. Auf diefe verlockende Ausficht hin traten noch einige ößerreichifche und drei deutfihe Juden, darunter ein mir bekannter Student, hervor und ßellten fich zu uns. Einige chrißliche Öfierreicher, die uns fchon auf der Fahrt erzählt hatten, daß Tie lieh nach der Gefangennahme auf dem Fußmarfch nach Kiew den jüdißhen* Einwohnern gegenüber als Juden ausgegeben hätten und von diesen reichlich mit Eßwaren, Kleidungs* ßüdken und Geld unterßützt worden feien, fihienen nicht abgeneigt, auch jetzt diefes Manöver zu wiederholen. Den ruflilchen Behörden Gegenüber erlchien ihnen dies jedoch zu riskant, fie blieben alfo ^nrifien. Wir Juden wurden nicht in das Hauptlager, fondern in ein kleineres eingezäuntes Lager geführt, in dem ein kriegsgefangener öfierreichifcher Offizier, ein Tfcheche, das Kommando führte. Er ließ jedem von uns eine Pofikarte geben, damit wir nach Haufe fdireiben follten, und ließ uns dann durch eine Ordonnanz zur Baracke der