Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1919-06-01 · Heft 2 (Juni 1919) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 2 (Juni 1919)
Date
1919-06-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2827066-2827074-2827076--0505-2827608
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DEUTSCHMANN, JUDENTUM ~ DEUTSCHTUM 91 die fchöpferifche Kraft erkennen, die von unferem Judentum ausgeht, und unferen Glauben an die Bereicherung der allgemeinen Kultur durch nationales Schaffen ßärken. Vor mir liegt eine meine Schrift, die (ich in ähnlicher Weise mit einem Spezialgebiet befchäftigt, Blühers Rede an die freideutfche Jugend über »Deutfehes Reich, Judentum und Sozialismus«. Der Verfaffer, der ja bekannt iß als der Theoretiker einer Jugendbewegung, in der deutlches Wefen'und deutfeher jugendlicher Schwung wohl am reinßen in unferen Tagen zum Ausdruck gekommen find, iß natürlich von der Wesensverfchiedenheit von Judentum und Deutfchtum überzeugt Dagegen glaubt er eine Gleichartigkeit des Schickfals beider Völker erkennen zu können: »Kein Volk, das uns Deutfchen feinem Schickfal <nicht feinem Inhalt) nach verwandter ift, als «lie Juden«. Wie gefagt, der Inhalt iß dabei ein völlig verfchiedener,- der Deutfche hat keine Thora und keine Tempel. » wir werden die Inhalte der jüdifchen Religion kaum jemals annehmen, uns iß das Chrifientum gemäßer und erfcheint uns größer«, fagt er an einer Stelle, indem er aber zugleich die Größe der jüdifchen Zionsideen ausführt. Wie kommt Blüher nun zur Behauptung der Schickfalsverwandfchaft Beider Völker? Das jüdifche Volk ift von jeher gekennzeichnet durch 4en Kampf des Heiligfien mit dem Elendßen: es iß Gottes Volk, das heilige Volk, das Volk der »letzten Dinge«, aber zugleich auch das verruchte Volk. Es bricht eines Tages innerlich und äußerlich zufammen; die Diaspora beginnt, ein Leidensweg mit dem ungeheuren Wunder, daß das Volk zur bloßen Ralfe wird, ohne unterzugehen. Und nun erfolgt das dritte Gefchichtswunder: der Zionismus, die Rückkehr. Vor ^iner Diafoora ßeht auch das deutfche Volk <für delfen Geißesieben auch die Germanen nach Blüher die Rolle fpielen, wie der Stamm Levv einfi bei uns): es beginnt ein Leidensweg, und eine Idee foll das Volk halten: »Aber wir Deutfchen haben keine Thora und wir haben keine Tempel. . . . Wenn es aber etwas gibt, woran Geh eine ganz kleine Hoffnung knüpfen kann, . . . fo iß es die Idee des Deutfchen Reichs«. Ich will hier nicht auf die näheren Ausführungen Blühers hierüber ein* gehen,- für uns kommt es nur darauf an, daß er bei der Behauptung der Schickfalsähnlichkeit beider Völker doch die Verfchiedenheit ihres Inhalts erkennt, ~ alfo umgekehrt definiert wie Hermann Cohen. Die Judenfrage iß für ihn komplizierter als für Chamberlain und das des* halb, weil er drei verfchiedene Typen unterfefaeidet und damit auch drei verfchiedene Arten von Wechfelbeziehungen zwifchen Judentum und Deutfchtum. Der oberfte Typ ifi der Jude der Rückkehr. »Im Zionis* mus verfucht der Jude den Rückfprung von der Ralfe zum Volk; er iß eine Bewegung von gefchichtlicher Größe . . . «. Den zweiten Typ bildet das Diafporajudentum, das dargeßeltt wird durch dem abfirakten Denken hingegebene Individuen, die die Bindung mit Zion nicht mehr kennen oder die nicht nur eine bloße Affimilation ans Deutfchtum, fondern eine Synthefe mit ihm gefunden haben. Diefe fchaffen wilfenfchaftlich, ja repräfentieren teil weife auch das Wefen ihrer Gaßvölker. Der größte Teil aber gehört dem dritten Typus an, der Art Jude, den wir den Affimilationsjuden nennen. Blüher bezeichnet ihn als ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.