Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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88 STttAUS, DER JUDE BENJAMIN D1SRAELI Daß das Intereffe Dtsraelis am Judentum trotz aller Ungunfi der Umfiände tioch fö groß war, erklärt lieh nur daraus, daß er in hohem Grade eine orientaiiföi*jüdi£he Natur war. Wenn wir bisher betrachtet haben, wie er von Außenfiehenden als »ftranger« angefehen wurde und wie er felbfi fich orientalifihem Wefen verbunden fühlte, fo bleibt noch die wichtigfie Unterfuchung, inwiefern er wirklich Jude war. Be* kanntlich hat fich der Charakter der Juden in der Diaspora fiark diffe* renziert. Es iß nicht möglich, von einem durchaus einheitlichen jüdifthen Charakter zu reden, wenn man die orientalifchen Sefardim und die deutlcfcen oder polnifihen Juden neben einander fiellt. Das hat zu der fachlich verfehlten Auffaffung geführt, Sefardim und Afchkenalim feien verfchiedenen Stammes. Vielmehr find es in der Hauptfache die Er* lebniffe, die, wie den Charakter des Individuums fo auch den von Gruppen bilden. Und die verfchiedenen Erlebniffe in erßer Linie haben aus den Mittelmeerjuden und den nordeuropäifchen vermiedene Typen entfiehen laffen. Der Mannigfaltigkeit der Erlebniffe des jüdifthen Volkes in feinen einzelnen Teilen entfpricht ein eben folcher Erlebnisreichtum des Individuums. Dafür iß Disraeli felbfi der befie Beweis. Die ganz auf Geiß und Phantafie geßellte Persönlichkeit wird durch ihr politifches Streben gezwungen, fich der faß völlig gegenteilig orientierten englifchen Arißokratie zu affimilieren. Das geht nur durch ein Heraufpumpen der fchlummernden, durch eine gewalfame Hochzucht der rudimentären Anlage der Seele mit Hilfe des Willens. Auf dem Wiener zionißifdien Kongreß forach Max Nordau in einer Anfprache an die Turnerlchaft von der Willenskraft, die den Juden ermögliche, obwohl in ihrer heutigen Verfaffung nicht eigentlich dazu qualifiziert, turnerifche Glanz* leifiungen zu vollbringen. Disraeli hat, obwohl kränklichen Körpers, als Knabe in der Schule gegenüber zahlreichen Anfeindungen fich durch Bewährung vieler Rowdytugenden in Refpekt gefetzt. Der Jude fieht fich genötigt, im Verkehr mit der nichtjüdifthen Umwelt, was ihm an ungünßigem Vorurteil entgegentritt, durch Anpaffung, Weltgewandtheit und fachliche Leifiung wettzumachen. Der jüdifche Intellekt aber erfährt dadurch eine außerordentliche Schulung. Daher die jüdifche Denkgewandtheit, die dem Nichtjuden oft unheimlich und verabfeheuens* würdig, weil auf einer vermuteten anomalen Hemmungslofigkeit be* ruhend, erfcheint. In diefer gemeinjüdifchen Pofition befindet fich Disraeli in ganz befonderem Maße. Nicht etwa ein in England feiner ganzen Erinnerung und feinem Wefen nach beheimateter, fondern ein Mittelmeerjude, den feine Neigungen mit dem Süden eng verbinden, laffen ihn Weltgewandtheit und fachliche Leifiung eine unerhörte Laufbahn nehmen und den ob feines Ehrgeizes verlachten Dandy an fein uner* fchütterlich verfolgtes Ziel gelangen. Ebenfo iß die jüdifche Geifies* verfaffung unverkennbar in feiner Überlegenheit über alle Parteian* fihauungen. Anfifaeinend heute radikaler Chartifi und morgen Tory, heute Anhänger des Freihandels, morgen Schutzzöllner, erfährt er fo oft den Vorwurf, wankelmütig in feinen Anfchauungen zu fein, um mit heiligen Prinzipien Gefihäfte zu machen. In Wahrheit hat er das nie getan, nur war für ihn der Bezirk heiliger Prinzipien enger als für