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Der jüdische Wille · 1919-06-01 · Heft 2 (Juni 1919) · page 16

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 2 (Juni 1919)
Date
1919-06-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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86 STRAUS, DER JUDE BENJAMIN D1SRAELJ fo gehen wir jetzt dazu über, wie feine Abßammung in feinen Ideen fich wirklich manifefiiert Diefes Raffegefühl war nidits anderes als ein inßinktives Nähegefühl gegenüber dem Orient und feinem Menfchen* typ. Die Qgelle diefes fieberen Raffeinßinktes iß erkennbar. Disraelis Familie war bekanntlich erß um die Mitte des 18. Jahrhunderts aus Italien nach England eingewandert und war früher in Spanien anfäffig. Wir deutfehen Juden find gewöhnt, uns unter dem Typus des mittelalterlichen Juden denjenigen zu denken, den wir in Deutfchland und Frankreich aus der Zeit der Kammerknechtfchaft, der Verdrängung durch die Innungen aus den werktätigen Berufen ufw. kennen. Das iß der Jude, der lieh, in feinem Leben auf fich felbß und feinen engfien Kreis befchränkt, mit gotifcher Verve auf die Ausgefialtung der jüdilchen Lehre wirft. Nicht anders hat ja audi nach Ablauf der frühmitteU alterlichen Wanderungen und der Kreuzzüge der engere Geiß des Zeitalters feine einfeitige Intenfivierung in der Gotik gefunden. Wie die mittelalterlichen Chrißen, fo unterfchieden fich auch die Juden der Mittelmeerländer von den nordifchen Brüdern. Das Mittelmeergebiet mit feinem Mangel an kompakten Ländermaffen gab keine rechte Möglichkeit zu kompakter nationaler Siedelung. Der Austaufch an Gütern und Blut im Gefolge des Handels* und der Kriege hörte dort nie auf. Die Folge war eine frühzeitige Wertung der Nationalität als folcher. Und auch die jüdifche Sonderart wurde — umgekehrt wie im Norden — im Volke mehr als nationale denn als religiöfe empfunden. Urfächlich hierfür wirkte der Umfiand, daß das religiöfe Empfinden in den meißen dirifilichen Staaten des Mittelmeers — voran die hier in erlter Linie zu betrachtenden Italien und Griechenland *-* überhaupt gering und die herrlchende heitere LebensauffalTung nicht geneigt war, zwifihen Jud und Chriß eine gar zu fchroffe Scheide* wand zu errichten. Solchen kulturellen Traditionen entflammte Disraeli. Er war getauft,- wir felbß aber können heute täglich beobachten, wie wenig ein am Kind vorgenommener Religionswechfel häufig für das Zugehörigkeitsgefühl des Menfchen bedeutet. Sein Begriff vom Juden* tum war durchaus nicht fo ausfihließlich religiös beßimmt, wie wir das bei uns von Perfönlichkeiten aus gewohnt find, die im öffentlichen Leben etwas erreichen wollen. Dazu kam, daß fein Äußeres typifch jüdifih, fein Wefen von Haufe nichts weniger als nach engliftnem Mufier auf vorzugsweife Qbung des Körpers gerichtet war. In dem Maße, wie er äußerlich und im Wefen abfiach, ward er fich feiner Zugehörigkeit bewußt. Sein Raffegefühl hätte fich in dem geißigeren Deutichland ebenfo wie unter dem äußerlich ähnlicheren italienifchen Menfchentyp vermutlich weniger fiark entwickelt. Er aber befaß Liebe zur Paradoxe und zum Widerfpruch. Nicht nur feine romantifche Vor* liebe und eine vielleicht ererbte Neigung feines ganzen Wefens nach dem Süden und Oßen, fondern auch feine Freude am Widerfpruch und fein Ver* nügen, fich von feinen Mitmenfchen, deren Mehrheit er fich als überlegen etrachtete, zu unterfcheiden, mögen die häufige Betonung feiner Ab* fiammung mit verurfacht haben, wie er ja überhaupt befirebt war, feine einzigartige Perfönlichkeit immer auch als folche ericheinen zu laffen.

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