Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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STRAUS, DER JUDE BENJAMIN DISRAEU 85 jüdifchen Abßammung fich anders hätte ßellen können. Diefelbert GefühlsbedürfnilTe, die die deutfchen Romantiker in den Schoß der. katholifihen Kirche zurückführten, ließen auf eine gewifle Weife den Chrißen Disraeli nicht aus dem Judentum hinausgelangen. Sein Geiß war reich genug, aus der Gefchichte felbfi fich eine katholifche Kirche mit ihrem oinne und Phantafie erfüllenden Schönheiten zu zimmern aber vor allem, er war nicht Romantiker genug, um irgendwo anders als in der Gefchichtsbetrachtung felbß, die To oft viel grellere Farben aufweiß als die mit Abficht temperierte Kirche, Befriedigung zugleich für feine Phantafie und für fein Wirklichkeitsbedürfnis zu finden- Seine Romantik und fein Wirklidikeitsbedürfnis zugleich führten ihn in die Gefchichtsbetrachtung hinein, und auf beiden w egen fiieß er auf das hißorifche Gebilde des Judentums. Der Romantiker fieht in den Juden die Erben und Träger der GeheimnilTe Aliens und in die Gegenwart verirrte Zeugen der babylonifchen, der ägyptifchen, der phönizifchen, der hellenifiifdien, der römifchen und der frühchrißlichen Welt. Ein weites Feld für eine angeregte Phantafie, wenn zu alledem noch eine orientalifdie Landfchaftsfiaffage kommt. Wie großen Reiz der Orient mit feinem blauen Himmel und feiner Licht* und Farben* fülle für den jungen Disfaeli hatte, hat er oft genug bekannt/ das beweifi feine Mittelmeerreife ä la Byron und der Sdhauplatz feiner Romane, für die die Orientdraperie sehr wefentlich iß. Der deutlichße Beweis dafür iß der »David Alroy«, von dem noch zu fprechen fein wird. Pointiert sagt er im »Tancred«: »Die Araber find nur Juden zu Pferde«, woran die Betrachtungsweife des Romantikers um fo deutlicher wird, als der fachliche Inhalt diefer Äußerung fragwürdig iß. Aber auch der Realiß Disraeli empfängt und reproduziert feine Eindrücke bei diefer romantifchen Vertiefung in die Vergangen* heit des Orients. In der fonnendurchglühten Luft Paläfiinas unterhalten fich feine Romangefchöpfe über den geifiigen Beruf des Judentums in der Gefchichte, und was er an fo vielen Stellen feiner Schriften andeutet oder ausfpricht, berührt fich aufs engfie mit der neujüdifchen Gedanken* weit unferer Tage, deren Künder und Interpret vor allem Martin Buber iß. Iß es fo verwunderlich, daß Disraeli fchon vor achtzig Jahren gefehen und erlebt, was wir als das Erlebnis unferer Zeit zu betrachten gewohnt find? Disraeli fiand nicht nur formell als Chriß objektiv mit ruhigem Urteil zu den Dingen, fondern darüber hinaus ließ ihn fein klarer Geiß ihr richtiges Maß erkennen, und feine Romantikerliebe zum Gefchehenen der Vergangenheit und fein perfönliches Verfiändnis für große Ideen ließen ihn an einer fiarken Vorliebe für das Judentum als Urfprung der Gefittung Europas feßhalten. So erwiefen fich in feiner Stellungnahme zum Judentum romantilche Gefühlsregungen und ein klarer Blick fürs Tatfächliche. Beides indes keine ausreichenden Gründe für eine fo andauernde literarifche Befchäftigung mit dem Judentum, wie er fie gepflogen hat. Den letzten Grund hierfür hat man fchon zu feinen Lebzeiten in feinem »Raffegefühk gefunden, und wenn wir bisher gefehen haben, wie einerfeits die andern und andererfeits er felbß feine Abßammung betrachtet haben,