Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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,84 STRAUS, DER JUDE BENJAMIN DISRAELI Bismarck hat gegen alle vermeintliche hifiorifche Wahrfcheinlidhkeit, gegen« alle zünftigen Politiker, gegen feinen Herrfcher, gegen die öffentliche Meinung ein großes Werk gefchaffen,* durch diefes Werk wurde er herausgehoben aus der Schar der deutfchen Politiker. Anders DisraelL Disraelis politifches Werk fieht nicht gleich dem Bismarcks wie ein Wahrzeichen in der Gefchichte. Seine Aufgabe war lediglich, eine an fich in ihren Grundlagen gefeßigte Macht zu erhalten und zu mehren. Auch Disraelis Arbeit mußte gewiß die Rezenfionen der Zeitgenoffen und der Nachwelt fich gefallen taflen. Aber fein Werk allein erklärt nicht, warum feine Perfon weit über die politifch unmittelbar intereffierten Kreife hinaus dauernd ein Gegenftand der Erörterung blieb. War bei Bismarck das Werk, fo war bei Disraeli die Perfönlichkeit das Phänomen, das die Augen der ZeitgenolTen bannte. Wie Bismarck fein Werk,, fo hatte Disraeli feine politifche Ppfition begründet gegen alle Er* Wartungen der öffentlichen Meinung. Warum gegen alle Erwartungen? Weil Disraeli ein Phantafi war? Im Parlament merkte man bald, daß er auch andere Qualitäten befaß. Weil er nicht der Arifiokratie entflammte, aus der die Minifier hervorzugehen pflegten? Der Widerfiand egen ihn beßand am meifien, als man noch nichts von feinem hochlegenden Ehrgeiz wußte. Als der blaffe Jüngling mit feinen fchwarzen-, über die Stirn fallenden Locken zum erfienmal die Rednerbühne des Unterhaufes betrat, waren es ficherlich nicht Einzelzüge, fondern die ganze Fremdartigkeit feiner Erfcheinung und feines Auftretens, die den fchlechten Empfang hervorriefen, den man ihm bereitete. »Seditious firanger« nannte ihn der Leiter der Schule, die er in der Jugend befuchte, und als feditious ßranger, als ein Fremder, der nicht reßlos im englifchen Leben aufging, der feine individualifiifche Ausnahmeßellung als fein Lebenselement betrachtete und eben um diefer willen auf ein Führeramt prätentierte, galt er allenthalben bis zu feinem Tode. Daß mit dem Übertritt zur englifchen Hochkirche aus dem fefardifchen Juden ein Angelfachfe wurde, war nicht zu erwarten,- daß man aber auch dem Lord Beaconsfield den Juden nicht vergaß, das zeigt nicht nur die Stellung feiner ZeitgenolTen zu ihm, fondern noch heute können liberale deutfche Univerfitätsprofefforen hämifche Bemerkungen nicht unterdrücken. Wie Disraeli dazu fiand, daß man ihm als Stammesfremden nicht wohlwollte? Er verließ fich auf fein Talent und brauchte das WohW wollen nicht. Er war zu ßark, um fich der Gehäffigkeit, da wo fie ihn fchädigte, nicht erwehren zu können, und er war zu großzügig, als daß das Bewußtfein, daß andere ihn kränken wollten, einen Stachel in feinem Herzen zurücklaffen konnte. Es iß gerade für uns, die wir täglich gegenteilige Beobachtungen bei ungetauften Juden machen können, bemerkenswert, wie freimütig fich diefer Angehörige der englifchen Kirche über feine jüdifche Abfiammung zu äußern pflegte. Man könnte glauben, daß er, zu fiolz feine Abfiammung zu verbergen, aus der Not eine Tugend gemacht habe. Das wäre völlig falfch. Aus allen feinen Äußerungen zeigt fich, daß er als Romantiker zu tief in der Neigung zur Vergangenheit, in der Schätzung der ererbten irrationalen Kräfte der Gefchichte und des Blutes verankert war, als daß er zu feiner