Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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S7RAÜS, DER JUDE BENJAMIN DISRAELI 83 DER JUDE BENJAMIN DISRAELI Lieber Benjamin Disraeli iß viel gefchrieben worden. Alle die, die fich mit der neueren englifchen Gefihichte befaßt haben, mußten den Parlamentarier, Schatzkanzler und Minifierpräfidenten in den Kreis ihrer Betrachtungen ziehen. Keiner, der über englifihe Literatur des 19. Jahrhunderts fchrieb, konnte Disraeli übergehen. Die lebendigfieii Ausftrahlungen gingen aber von Disraelis Perfönlichkeit zu feinen Lebzeiten unmittelbar auf feine Zeitgenolfen aus. Er war Dandy tmd ein kenntnisreicher Mann / er war Abenteurer und auf praktifchen Erfolg bedacht/ er war höchß weife und höchß ehrgeizig,-er war Tomantilcher Schriftßeller und prätendierte auf die höchßen Staatsßellen . er trat als Toiy für ultraliberale Forderungen ein,- er war ein Ichwarz^' haariger Judenftämmling und wurde englifcher Minißerpräfident. Wenn er nach feinem dreimaligen Durchfall bei den Parlaments* wählen die Flinte ins Korn geworfen hätte, wäre er — phantafie* begabt wie er war —' fchwerlich als ruhiger Bürger gefiorben. Er hätte durch Exzentrizitäten auch dann von lieh reden gemacht. Er hätte fich die Stellung, die er dur<h die Politik nicht zu erwerben in der Lage war, durch andere Mittel zu gewinnen gefucht und wäre als Ironiker und Opponent der Gefellfchaft, die feinen politischen Betätigungs^ trieb hemmte, äußerß unangenehm geworden. Die Nachwelt hätte in ihm nur den Phantafien kennen gelernt. Hätte er es aber nur zum iilnterhausmitglied gebracht ohne Ausficht, Parteiführer zu werden, fo hätte lieh fein für die Gefchäfte nicht nutzbar gemachter Geiß auf die Prinzipien der Gefchäfte geworfen,- er wäre eine jener tragikomifchen Figuren geworden, die, Politiker nach Anlage, von der Gefchäftsführung aber abgedrängt, mit ihren »Prinzipien«, die fie gern ßolz als Ideen bezeichnen, den Doktrinarismus fchaffen, der von Geiß und Politik „gleich weit entfernt iß. Die Juden pflegen zu diefer Sorte von Politikern bekanntlich eine hohe Zahl beizußeuern. Hätte Disraeli eines diefer beiden Schickfale gefunden, er wäre immer von vielen beneidet, von vielen angefeindet eine zeitweilige Berühmtheit feines Vaterlandes geworden,- man hätte aber freundlich oder feindlich in der Öffentlichkeit über ihn zu fpredien in der Hauptfache denen überlalfen, die irgend ein befonderes Interelfe an ihm genommen hätten. Nun aber \frurde diefer Phantafiebegabte kein Phantaß, den man belachen, diefer fcharfe Intellekt kein Doktrinär, an dem man fich ärgern könnte, vielmehr wurde diefe Perfönlichkeit Führer einer widerwilligen Partei, Präfident meiner widerwilligen Regierung, Inhaber des erßen Platzes einer erßen Macht *-* da konnte man nur halfen oder verehren. So findet man Disraeli jahrzehntelang von der Parteien Gunfi jjepriefen oder geläßert, und man muß an Bismarck denken, der gleich ihm den einen als Teufel, den andern als Halbgott gilt —* mit der entfeheidenden Ausnahme: bei Bismarck waren es die Taten, die den Haß und die Verehrung erweckten und nicht zur Ruhe kommen ließen.