Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1919)
- Date
- 1919-06-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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KkOJANKER, MENSCHHEITSBEGLÜCKUNGSWAJHN 77 andere Formulierungen, die auch manches für fich haben und die mit derfelben Beftimmtheit zum »roten Faden« umgefärbt werden. Die Vielgefialtigkeit vergangenen Dafeins läßt fich eben in vielerlei Faffungen bringen, und ganz fehl wird keine davon gehen. Der Streit darüber mag fehr tieffinnig und von großem philofophifihen Intereffe fein/ für unfere Frage iß er müßig. Denn das allerdings weiß ich mit Beftimmtheit, daß eine foiche Lehre — ob richtig oder unrichtig niemals den Boden für Leben und Fortbeßand einer Gemeinfchaft abgeben kann. Abgezogene Lehren diefer Art nämlich entbehren ihrer Natur nach durchaus des Charakters einer befonderen Gemeinfchafi. Ihrer Natur nach: denn fie alle haben irgendeine Art von Sittlichkeit zur Grundlage und tendieren damit auf das Allgemein^Menfchliche. Völker unterIcheiden fich überhaupt nicht durch ihre Inhalte, fondern durch ihre Formen. Zwifchen den Inhalten befieht meiß kein wefentlicher Unter* fchied. Völker derfelben Kulturfiufe fiellen diefelben Fragen und geben darauf Antworten, die uns, wenn wir liebend und haltend mittendrin liehen, mitunter groß erfcheinen können, die wir aber als ziemlich gleich-» artig erkennen, wenn wir eine größere Kulturepoche ablchließend und objektiv zu überfehen vermögen. Ethifihe Sätze wie die vom VerfaiTer vorgetragenen werden fich von jeder Menfchheitsgruppe, die fidi über* haupt mit Fragen der Sittlichkeit befaßt hat, ausfagen lalTen. Und damit find wir bei dem Trugfthluß angekommen, den der Verfaffer macht, wenn er fich über die herrliche Harmonie zwilchen der jüdifchen und der deutlichen Aufgabe begeifiert. »Und der Deutfdie in uns. Hat er ein anderes Ziel, andere Pflichten, andere Zukunftsaufgaben, ja audi nur — Ausfichten? Ich meine, als reife Frucht des Krieges und der Revolution follte die Überzeugung unverlierbarer Befitz jedes Denkenden fein, daß jede Politik, und das heißt jedes Erßreben eines über* individualifiilchen Erfolges in der Außenwelt, von vornherein zum Scheitern verdammt iß, wenn fie nicht den Pofiulaten der Ethik ent* Töricht. Im Menlchheitlichen eint (ich die jüdifche und deutfdie Aufgabe.« Aber felbfiverßändlich tut fie das. Im Menfchheitlidien einen fich fogar die tfthechoflovakiiche und die ungarilche Aufgabe. Und fie eint lieh nicht nur, fonderh es iß tatfädhlich diefelbe: nämlidi die menlchheitlidie, weil es — wie der Verfafler dann plötzlich felbß fehr richtig bemerkt <— »Sonderfittlichkeit für Sondergemeinlchafien garnicht geben kann.«. Vortrefflich! Aber wenn man fein ganzes Judentum auf folchen allgemein*ethifchen Satz bafiert, ~- wie kann man dann der Anficht fein, daß »die Beibehaltung diefes ethifih^menfchheitlichen Prinzips . . . die Gewähr für das Fortbefiehen des Judentums« abgibt? Die Gewähr für das Fortbefiehen einer befiimmten Gemeinfchafi <übrigens wollen wir garnicht fortbefiehen, fondern uns erneuern und entfalten) kann offenbar niemals durch die mit anderen Gruppen verbindenden, fondern nur durch die unterfiheidenden Merkmale gegeben fein. Ja, es muß die Frage aufgeworfen werden, welche Exiftenzberechtigung denn nodi ein Judentum haben kann, das fich ganz in einigen ethilchen Pofiulaten erfdhöpfi, die es ähnlich bei allen Völkern und Religionen der gleichen