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Der jüdische Wille · 1919-06-01 · Heft 2 (Juni 1919) · page 6

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 2 (Juni 1919)
Date
1919-06-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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76 KRQJANKER. MENSCHHEtTSBEGLÜCKUNGSWAHN Stoff. Was iß uns nicht fdion alles von klugen Männern als Inhalt des Judentums offeriert worden! Adi, es iß eine Fülle erhabener und nicht immer leicht miteinander zu vereinender Ideen, die uns vor die Qual der Wahl fiellen. Für den liberalen Juden nämlich iß das Judentum Literatur, die Literatur einer Gefdtidite und einer Religion, und fie iß gar trefflich geeignet, zu disputieren, welche Ideen fie wohl als Inhalt in lieh berge* Sie iß ein herrliches Gebiet, um Sdiarffinn, Witz und Tiefe zu erproben/ Das Judentum iß tot, es lebe die Philofophie! Aber es gab eine Zeit, da lebte das Judentum. Da lebten lebendige Juden, rangen mit Gott und fthufen Geh aus religiöfer Inbrunß ihr kosmifches Bild. Und neue Generationen kamen, auch fie in der Fülle des Lebens, erwarben den überkommenen Belitz und bildeten ihn fort. Da gab es keine Lehre und keinen abßrakten Glaubensfatz; fondern da gab es Märtyrer und Propheten, Fanatiker und Abtrünnige : es war ein Volk in feinem Leben. Und als dies Leben erfiarrte, als nur gelegentlich nodi die religiöfe Kraft neu und verjüngt, aus den Tiefen der jüdifiben Seele hervorbrach ~~ da trat zwar ein Erfatz an die Stelle diefes Lebens, aber er hieß nicht Lehre, fondern: Gefetz. Das Gefetz war es, um das die Judenheit ftdi fammelte und das ihr Er* haltung gewährte. Nur wer am Gefetze rüttelte, war ein Abtrünniger. Seine Lehre mochte getrofi ketzerifih fein, fofern fie nur mit dem Gefetz in Einklang gebracht werden konnte. Das Leben des einzelnen iß normiert/ Handlung und Werk find durch Gebote und Verbote geregelt. Die Gefinnung aber, die Deutung des fittlichen Grundmotivs iß der weiteßen Auslegung zugänglich,- hier herrichte Freiheit wie in keinem Gemeinwefen fonfi. Nein, es war nicht der Univerfalismus der Lehre, fondern der Partikularismus des Gefetzes, dem wir unfere Erhaltung zu danken haben. Mit dem Eintritt aber der Juden in den europäifchen Kulturkreis iß beides dahin: das felbßverßändlich lieh entwickelnde Leben einer jüdilchen Gemeinlehaft ebenfowohl wie die verbindende Kraft des Gefetzes. Das Leben iß tot/ der Erfatz verliert feinen Sinn. Und ni&ts iß da als vergilbte Blätter, über denen weife Männer fitzen, um das Vergangene zu deuten. Und es (teilt fich heraus, daß am Eingang zum Judentum nicht wie an dem anderer Religionen Glaubensfätze verzeichnet ßehen, die unverrückbar den* Inhalt weifen. Da ßehen nur Gebote und Verbote, ein ganzes Syßem, dem wohl leitend eine fittliche Idee zu Grunde liegt, ohne aber eindeutig und für immer vefbindend fixiert zu fein. Nun wird für den nidit mehr zulänglidien Erfatz ein neuer gefchaffen: es iß die Philofophie der weifen Männer. Vom Leben eines Volkes bleiben einige abgezogene Lehren,- abgezogen durch Männer, die ihren Geiß an der Philofophie ihrer Zeit und ihrer Umgebung geßhult haben, und die uns nun, untereinander wtderfpruchsvoll, verkünden, worin denn eigentlich unfer Judentum beßehe. Eine Lehre diefer Art iß es, die uns von unferem VerfalTer als »die« jüdifihe Idee und damit als die leitende des K. C. vorgetragen wird. Ich fage noch einmal: idi weiß nidit, ob er Recht hat. Ich kenne

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