Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 1 (April 1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 79% known words query
- IRI
…/2827066-2827074-2827075--0479-2827581- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 2× ep/1047930
- Aleppo 1× ep/1047811
OCR text
70 EINZELHEITEN dem Karmel iß die Pflanzungsarbeit be« reits weit fortgefchritten. Mehr als auf allen übrigen Gebieten hat indeflen die Verwaltung Paläftinas in verkehrstechnifiher Beziehung erreicht. Gegenüber dem Zuftande, der in diefer Beziehung didit vor dem Kriege in Pa« laftina und im gefamten Orient herrichte, kann der gegenwärtige, in wenigen Monaten angeftrengter Arbeit erreichte Fortfihritt als die optimiftifchelten Vor« Heilungen der Orientfreunde übertreffend bezeichnet werden. Die kreuz und quer landeinwärts und gegen die äußeren Grenzen hin fich erßreckenden Bahnen laflen heute bereits eine Verbindung zwifihen Kairo und Haifa, zwifihen diefem und Damaskus«Mekka, zwifchen Jerufalem und Aleppo « Konftantinopel lowie zwifihen erfterem und Nifibis« Bagdadbahn in einem Zeitraum zu, den man früher für die Strecke zwifihen Jaffa und einzelnen Kolonien in Samaria oder Galiläa brauchte. Mehr als 500 km neuer Bahnlinien wurden von den englifihen Okkupationsbehörden im eigentlichen Palältina erbaut, davon die meiften breitfpurig und mit den mo» dernften europäifihen Einrichtungen ver« fehen. Die am 25. Dezember 1918 eröffnete Haifa«Kairobahn führt fogar Salonwagen und erhält Schnellzugs« lokomotiven befter Konftruktion. Gleich« zeitig wurden Landftraßen, Poftanftalten, Telegraphenlinien ausgebeffert, vermehrt, europäifiert und den Anforderungen eines heute nur vorauszufehenden Be« triebes angepaßt. In Haifa werden bereits die Anlagen für die zu erbauen-* den Quais, Brücken ufw. abgeftedet, und in Jerufalem und Jaffa werden neue Stadtpläne entworfen oder Itudiert. Auf dem Gebiete der Hygiene hat die britifche Verwaltung mit der kräftigen Unterltützung der zioniftifchen Ärzte« miffionen und der bereits vorher im Lande befindlichen jüdifthen Medizinal« anftalten Leitungen vollbracht, wie fie in der Gefihichte des gefamten Orients noch nicht verzeichnet werden konnten. Es gibt heute keine arabifche Nieder« laflung, kein Beduinendorf, keine noch fo entlegene und unfiheinbare Behaufung menfehlicher Wefen, die nicht von der Desinfektionspumpe der amtlichen oder halbamtlichen Gefundheitskommiffionen und dem rettenden Impfferum der Je« rufafemer Impfzentrale erreicht worden wäre. Ganze Herden von Malaria, Cholera, Typhus und Pocken wurden vernichtet, Millionen von Infekten« neftern zerfrört, die Walferbehälter und Zifternen gefaubert und überall die täglidie Straßenreinigung eingeführt. Diefe Maßnahmen, zu denen fich freiwillige Kräfte aus der Mitte des jüdifihen Expeditionskorps zur Verfügung Hellten,. werden unter fachkundiger Leitung mit einer folchen Entfihloflenheit durchge* führt, daß fie auch auf die fonft fehr nachläffige und um ihre Gefundheit wenig fich kümmernde Eingeborenenbe« völkerung ftarken Eindruck machten und diefelbe ein gutes Stück vorwärts auf dem Gebiete der eigenen Körper« kultur gebracht haben. Wanderopera« teure und Ambulanzapotheken ziehen im Lande umher und geben fich haupt« fächlich mit der außerordentlich itark verbreiteten Landesplage, den Augenkrankheiten ab, die in Taufenden von Fällen glücklich kuriert oder doch ein» gedämmt werden. Neue Spitäler und Sanatorien entliehen an den wichtigften Verkehrspunkten des Landes und das bekannte Straußfche Pasteurinftitut in Jerufalem arbeitet mit Hochdruck an der Vorbereitung von allerlei Heilmitteln und dem Studium der einzelnen Infek« tionskrankheiten. Sogar ein Tierfpital, ein Unikum im ganzen Orient, wurde jüngft in Jaffa gegründet und erhielt fofort einen ftarken Zufpruch aus allen Teilen des Landes. Daneben geht eine weife Ernährungs« politik der britifchen Behörde, die mit allen Mitteln bemüht ift, die Schäden der Unterernährung während der Kriegs« zeit zu bekämpfen. Aus den Militär« Vorräten wurden der Bevölkerung Nahrungsmittel zu kleinen Preifen zur Verfügung geftellt und die Einfuhr von folchen und den dringendften Bedarfs« artikeln aus Ägypten befchleunigt. Heute werden die Straßen der größeren Städte mit Petroleumftrumpf lampen taghell er« leuchtet und die Preife des Lebensunter« haltes übertreffen im allgemeinen die in einem europäifihen Staate nicht. Auch für die geiftige Kultur hat die Behörde Sorge getragen. Entfprechend dem Charakter der aus fo vielen Nationali« täten zufammengefetzten Bevölkerung, hat die britifche Behörde die vollftändi'ge Lehr« und Lernfreiheit in allen Sprachen proklamiert. Am heften hat fich das jüdifthe Unterrichts wefen organ i ü c rt, welches dank der Erfahrungen der Vor« kriegszeit in kürzefter Zeit imftande: war, einen regelrechten europäifchen Schulbetrieb in hebräifcher Sprache ins Leben zu rufen und fogar die Fort«