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Der jüdische Wille · 1919-04-01 · Heft 1 (April 1919) · page 58

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 1 (April 1919)
Date
1919-04-01
Page
– (sequence 58)
Language
German
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56 D. A, ERINNERUNGEN nostra vita« fand audi ich meinen Führer aus dem dunkeln Walde, Daß er ein Jude war, verßärkte mein Vertrauen und meine Sympathie. Diefes innere Erleben verßärkte meine Liebe zum Judentum. Ich hatte nie aufgehört, in der Bibel zu lefen,- befonders das 1, Buch Mofes und Jefajas übten ßets aufs neue ihre gewaltige, erhebende Wirkung auf midi aus/ und idh konnte keinen Widerfpruch zwifchen dem Geiß diefer Bücher und Spinoza's Erkenntnis feßßellen. Gott hatte ja feinen göttlichen Odem in Adams Nafe geblafen,- und von. den gereinigten Lippen des Jefajas fprach die Stimme des Ewigen. »Wer Gott recht liebt, kann nicht verlangen, daß Gott ihn wieder liebt« war ein Troß wie aus dem Buche Hiob, Von außen wirkten dauernd die Befchimpfungen und Ver~ läumdungen des Judentums, das Herabfetzen deflen, was mir lieb und heilig war, die Kränkungen, denen meine Kinder fo früh fchon in der Schule und auf der otraße atisgefetzt waren, als Stacheln, die mich wund und wunder machten. Ich hatte mich ganz der Er^ Ziehung meiner Kinder gewidmet und fagte mir oft mit fdiwerem Herzen, wenn ich ihr Ehrgefühl, ihren Stolz begünfiigte, daß ich nur ihr Leiden in der Zukunft vergrößere. Noch fah ich keinen Ausweg, der mit Würde zu betreten fei; zuweilen dachte ich an ein freiwilliges Erlöfchen. Von Herzl und der von ihm ausgehenden Bewegung hatte ich mit Intereffe gehört, aber nichts von ihm gelefen; ich war durch die Erziehung meiner Kinder und die Krankheit meiaes Mannes damals fo befchäftigt, daß ich weder Zeit noch Luß zu Neuem hatte, in meinen Mufeßunden mich nur an meinen alten Freunden, Goethe, Spinoza, die Bibel, ßärkte. Ich fagte damals, ich würde Zionifiin fein, wenn ich an den Zukunftsßaat glauben könnte, Ich wußte damals nicht, daß Not und Schmerzen, Liebe und Sehnfucht den Willen fo fiahlhart fchmieden können, daß er die Möglichkeiten fchafft; ich wußte nichts von dem ruffifchen Chowewe Zion, nichts von den Bilu. Einmal war ich mit meinem Vater bei einer großen Zionißenverfammlung, bei der Nordau fehr gut fprach. Seine Worte waren eindrucksvoll, noch eindrucksvoller für mich die Begeißerung der jungen Leute um ihn. Doch den Glauben an die Möglichkeiten gab mir Beides nicht. Löfung und Entfcheidung kam vom ganz Perfönlichen, Allernächßen. Mein älteßer, literarifch begabter Sohn brachte mir die Bekanntfchaft eines Kreifes begabter junger Menfchen, deren Halt* lofigkeit, Troßlofigkeit, Hoffnungsloligkeit mich erfchütterte. Freund* fchaftsverhältnifle mit Chrißen zeigten immer wieder ihre Brüchig* keit. — Und fo kam von dem Kreife, den mein Zioniß und K. J. V.-er gewordener zweiter Sohn mir ins Haus brachte, Hoffnung undTrofi.Das waren andere Menfchen, erfüllt von idealem Streben und Willen zur Tat, nicht losgelöße Atome, fondern mit freiem Entfchluß ge* bunden an den Zusammenhang, in den Natur und Gefchichte fie gefiellt hatte. Und fo erkannte ich, daß zu einer vollkommenen menfdilichen Entwicklung das felbfiverfiändliche Solidaritätsgefühl zu Familie und Volkstum gehört,- nicht als etwas, daß man fidi

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