Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1919-04-01 · Heft 1 (April 1919) · page 57

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 1 (April 1919)
Date
1919-04-01
Page
– (sequence 57)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2827066-2827074-2827075--0464-2827566
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

D. D„ ERINNERUNGEN 55 Ich war 27 Jahre alt, als idi heiratete.- Ich hatte mir einen beßimmten Ideenkreis zu eigen gemacht, an den ich glaubte, und in dem idi mich wohl fühlte. Es war-ungefähr der des Humanismus, fo wie ihn Goethe darstellt, mit einer gewiflen jüdifdien und religiöfen Färbung, da ich immer eine Bibelleferin war. Meine Kenntniue der Naturwilfenfchaften aber waren fehr mangelhaft. Diefe reidie und in ihrer Art wundervolle Welt brachte mir nun mein Mann, ein Mediziner mit reichen naturwilfenfchaftlichen und befonders anthropo^ logifdien Intereflen. Idi benutzte eifrig feine Bibliothek; und auch unfere Gefpräche hatten meiß diefe Richtung. Er bekannte fich ohne Umfdiweife zur materialißifdien Weltanfchauung. Er erzählte davon, daß er als Knabe eine Zeit leidenfchaftlidier Frömmigkeit gehabt habe/ und fo, als Kinderkrankheiten, betrachtete er alle Religionen. »Pfaff bleibt Pfaff«, wiederholte er gerne. An feinem Judentum hielt er aus Stolz fefi und war bei antifemitifdien Konflikten zwifchen den Kollegen mit Opfern für feine Stammesgenoflen eingetreten. Aber alles Jüdifdie war ihm durdi die kleinßädtifche Orthodoxie, in der er aufgewachfen war und gegen die er fidi feine Entwicklungs* möglichkeiten erft hatte erkämpfen mülfen, vollßändig verleidet. Die Taufe betrachtete er als Feigheit und Sünde wider den heiligen Geift der eigenen Überzeugung,- jüdifdie Sitten feßzuhalten, jüdifdie Fefte zu feiern, erfchien ihm als Heuchelei. Dahin konnte idi ihm nicht folgen,- mein ganzes Gefühl ßreubte fich dagegen. Ich hielt an den Traditionen meines* Elternhaufes feß. Aber meine Gedankenwelt war doch ßark ins Schwanken gekommen. Ich erinnere midi besonders lebhaft, wie ich am Morgen des Jörn kippur einen fiundenlangen Weg von meiner Wohnung zu der kleinen Schule machte, in der meine Eltern beteten und mir dabei klar wurde, daß ich es nur tat, um meine Eltern nicht belügen zu mülfen, und feufzend mir fagte, wie es midi beglücken würde, wenn ich mir nodi einbilden könnte, etwas Gott Wohlgefälliges damit zu tun. Diefe innere Unfidierheit machte mich nun zu einer Suchenden. Die Naturwilfenfdiaftler, die fich nicht mit ihren Forfdiungen genug taten, fondern Weltanfchauung daraus zu formen fuchten. Leute wie Büchner, Karl Voigt, Carus Sterne, Haeckel, erregten mir einen Schauder fowohl in ethifcher, wie in aefthetifcher Beziehung. Und wenn fie mir fo die Welt vergrauten und verödeten, klang es in mir; »Beethoven, oder ich erßidke!« Und in den Tönen diefes Meißers fühlte idi die Welt der Tiefe und der Höhe wieder er^ ßehn. die mir fdion zu entfdiwinden drohte. Aber auf die Dauer genügten die Töne nicht,- und da brachte ein zufälliger Eindruck midi zum Ordnen meiner Gedankenwelt. Eine Freundin erzählte mir, daß Schopenhauer Spinoza einen fchmutzigen Juden nenne. »Das iß nicht wahr«, tönte es in mir. Ich erinnerte mich, daß in meiner Jugend mein Lehrer Göldbeck mich ohne fonderliche Wirkung zu Spinoza hingewiefen hatte, idi wußte von Goethes Verhältnis zu diefem Denker, aber erß diefe midi empörende Befchimpfung veranlaßte midi zur Befdiäftigung mit dem jüdifchen Brillenfchleifer* und Weifen. »Nel mezzo deir eta di

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.