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Der jüdische Wille · 1919-04-01 · Heft 1 (April 1919) · page 56

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 1 (April 1919)
Date
1919-04-01
Page
– (sequence 56)
Language
German
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54 D. D„ ERINNERUNGEN Schule verlaffen hatte, gab es in unferer geliebten Luifenfihule einen antifemitifchen Krach, ausgehend von einem alten Lehrer, den wir als ziemlich harmlos in den oberen Klaffen über die Schulter an^ gefehen hatten. Dann ein Skandal im Friedrichsgymnafium, das mein Bruder befucfate, und nun ruhte es nicht,- es folgte ein anti* femitifcher Konflikt dem andern, und in Berlin waren es gerade die Lehrer, die lieh dadurch hervortaten. Man kann fich die Wirkung, die diefe Affären auf die deutfehen Juden hatten, fehweriieh groß genug vorßellen. Erß ein Staunen über Unglaubliches, Unmög* liches, dann Entrüfiung darüber, daß dies die Mehrzahl des Volkes fehr kühl ließ, und zuletzt tiefßer Schmerz über die verlorenen Illufionen. Vielleicht kann man diefe feelifche Verfaffung der Juden mit der eines großen Teils der europäilchen Menfchheit beim Aus* bruch diefes Krieges vergleichen : Was man für ficheren Erwerb der Menßhheit gehalten hatte, Ichwand dahin wo man an Liebe und guten Willen zum Verßändnis geglaubt hatte, zeigte Geh Haß und gewollte Abwehr gegen jede Verfiändigung. — Als man, nach dem erften betäubenden Eindruck, begann, fich mehr mit diefer Richtung zu befallen, machte man die Entdeckung, daß der Radau* Antifemitismus nur ein Symptom einer ganzen Richtung war, die ihfe wiffenfehaftlichen Vertreter hatte und von Regierungskreifen ftark begünßigt wurde. — Und fo erinnerte man fich, daß die dreißig Jahre von 1848 bis 1878 nur eine friedliche Epifode im deutfehen Geifiesleben waren, fo wie im 18. Jahrhundert die Wirkfam* keit des tapferßenund freiefien Deutfihen, Leffings, daß aber Deutfchland fiets das Land der konfequenten Judenfeindfchaft war und in feine traditionelle Geifiesverfaflung zurüdtfank. Noch länger dauerte es, bis man zu der Erkenntnis kam, daß der Antifemitismus eine Teilerlcheinung der nationalißifchen Strömung war, die damals in ganz Europa die mehr kosmopolitifche Gefinnung der gebildeten Welt verdrängte. Judentum war gewilfermaßen eine radikalifierende. Viele, die bisher nicht mehr viel an ihre Abßammung gedacht hatten, erinnerten fich ihrer wieder, kehrten aus verletztem Stolz und Ehrgefühl wieder zu ihrer Stammesgemeinlchaft zurück, traten für fie ein und fuchten die alten vergeffenen Werte wieder hervor. Andere zogen es vor, Vogel Strauß-Politik zu treiben, »fich nicht zu erkennen zu geben«. Es fetzte jetzt erß recht eine würdelofe Aflimilation ein, die in eigener oder Kindertaufe endigte. Ich weiß nicht, ob ich chronologifch richtig berichte / mir fcheint, . daß ziemlich gleichzeitig mit diefen innerdeutkhen Erfahrungen der Strom der Pogrom-Juden durch Deutfihland kam/ und der Anblick diefer armen, elenden Stammesgenoflen weckte doch in den meifien die Ichlummernde Liebe und das Pflichtgefühl ,• man wurde lieh bewußt, daß diefe uns näher Banden und mehr Anfpruch auf unfere Hilfe hatten, als etwa die Armenier. Mir perfönlich war das er* erbte Solidaritätsgefühl nie verloren gegangen dagegen traten jetzt Einflüfle in mein Leben, die meine Zugehörigkeit zur jüdifchen Geifieswelt ernfihaft gefährdeten. einzelnen Juden zum

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