Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 1 (April 1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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Z>, D., ERINNER UNGEN 53 Volk« kennen lernen, für das Volk arbeiten. Ich wagte dies nur tropfenweis meinen Eltern beizubringen, teilte alfo nur meinen Plan mit, das Lehrerinnenexamen zu machen, und fchon dies er« regte den Widerfpruch meiner Mutter,- ich konnte es durch den Beifiand meines Vaters erreichen, der Sympathie für alles Fort« fdiritdidie hatte, während meine Mutter gern beim Altgewohnten blieb. Nach kurzer Vorbereitung machte ich mein Examen und fing dabei an mich für pädagogifche Fragen zu intereffieren. Aber meinen Zweck, an eine Volksfchule zu gehen, erreichte ich nicht. Da meine ältere Schweiler fich inzwifchen verheitatet hatte, erfchien es auch mir felbfiverfiändlich, daß ich die Pflichten der Haustochter zu erfüllen hatte. Als folche hatte ich Zeit, meine in der Schule geweckten Intereffen zu entwickeln. Ich war an ausfchließlich gute Lektüre gewohnt »Romane ließ man überhaupt nicht«, war eine Sentenz unferes Goldbedt, die allerdings fehr übertrieben, aber ficher von großem pädagogischem Wert iß, Backfifchen gegenüber. Ich hatte fo mich gewöhnt, Romane nur ausnahmsweife zu lefen und habe dadurdi viel Zeit für intereffante Lektüre übrig behalten. Immer und immer wieder las ich Goethe,- feit meinem achtzehnten Jahre bin ich nie ohne einen Band Goethe gereiß. Goethes Art, die Welt zu fdhauen und zu fühlen, ifi mir zur Lebensluft geworden, wie wenn man aus der Ebene in die Höhe des Gebirges fieigt und allmählich durch das Aus- und Einatmen die reinere, leichtere Luft in die Lungen und Poren dringt, den ganzen Körper durchdringt Darum kann ich unmöglich einen Einfluß im Einzelnen fchildern/ ich kann nur fagen, daß ich ohne ihn mir mein Leben nicht vorfiellen kann, und daß mich oft ein üherfirömendes Dank^ und Glücksgefühl überfällt, dafür, daß ich nach ihm geboren bin. Starke Liebe und Verehrung empfand ich auch für Beethoven. In unferem Haufe wurde viel mufiziert. Meine Mutter wär eine .gute Klavierfpieferin, Beethoven*Verehrerin, bevor diefe Verehrung als felbßverßändlich galt. So wurde gute deutfche Mufik gepflegt, und ich war mit ganzem Herzen dabei, fpielte viel und liebte die Mufik und Beethoven über alles. In dieser glücklidien Zeit erfdiien es mir ganz leicht vereinbar, gute Deutlche und gute Jüdin zu fein. Ich hatte mir eine Theorie jzurecht gemacht, daß fogar eins das andere bedingte, daß ein treuer und dankbarer Menfch fich beider Zufammenhänge mit Freude be* wüßt fein müßte. Ich wiederholte oft, daß ich einem deutlchen Juden, der fein Judentum abwarf und verleugnete, niemals feine Treue gegen das Deutlchtum glauben würde. Daß das Judentum noch etwas anderes als Religion oder Konfeflion ist, davon war ich ßets überzeugt. Nun zeigte fich aber ein neuer Geiß in Deutlchfand: Das erße, was ich von ihm erfuhr, war die Brolchüre von Richard Wagner: „Das Judentum in der Mufik." Da muß ich wohl noch fehr jung gewefen fein,- ich erinnere mich nur an den Titel und die Entrüßung meiner Umgebyng, befonders wegen des Angriffs auf Felix Mendelfohn. Einige Jahre, nachdem ich die