Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 1 (April 1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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52 D. D., ERINNER UNGEN durch, daß er die jüdifdien Schülerinnen, die ihm durch ihr lebhaftes Eingehen auf feine Ideen, ihr rafdies Begreifen, befonders lieb waren, an ihre Abßammung mahnte und fich bemühte, ihren Stolz auf ihre alte Kultur zu wecken. »Stern in Israel« war ein heißbegehrter Lobfprudi. Den damals erfdieinenden Roman »Daniel Deronda« ließ er unter feinen Schülerinnen kurfieren, Diefe Mahnung war fehr bedeutungsvoll gerade in diefer Zeit des Werdens, wo man (idi in den vollen Strom der europäifchen Kultur warf und von Verehrung und Dankbarkeit gegen die großen Genien des deutfchen Volkes erfüllt wurde. Ein Erlebtes kam dazu: Die Beobachtung, daß trotz des guten Tons in der Klaffe <— alles vor der Zeit des Antifemitis* mus doch Jüdinnen und Chrißinnen getrennte Kreife bildeten es kam wohl vor, daß eine Chrißin lieh einem jüdifdien Kreis anfehloß, daß eine Jüdin in einem chrißlichen Kreis aufgenommen wurde; aber hier beßätigen die Ausnahmen wirklich die Regel. Audi im Haufe meiner Eltern war ein anregendes geifiiges Leben. Mein Vater war ein fehr gebildeter Mann* Sein Haupt« intereffe aber war die Politik/ er hatte als Jüngling von achtzehn Jahren die Revolution von 48 erlebt, mitgefchwärmt und auch ein wenig mitgetan. Er hatte fpäter in Breslau mit einzelnen der führenden Demokraten verkehrt. Wir Kinder betrachteten mit fcheuer Ehrfurcht im Photographie^Album das Bild eines düfier blickenden Mannes und hörten, daß es ein Freund von Papa namens Schlehahn war, der mehrere Tahre als polittfeher Verbrecher auf der Fefiung Silberberg gefeffen habe. In Berlin ließ der Kampf ums Dafein meinem Vater keine Zeit zu politfeher Betätigung. Aber fein reges Intereffe für die politifche Entwicklung war geblieben. Und er war ein eifriger Zeitungslefer. Die warme Volks* liebe, die fein Herz erfüllte, verleugnete fich auch nie in feinem Leben. Das Don Carlos*Wort: »Ächtung zü haben vor den Idealen feiner Jugend, wenn man Mann iß«, erinnert midi immer an ihn. Ich teilte das lebhafte Intereffe für Politik, bald aber trat bei mir eine Wendung vom Liberalismus zum Sozialismus eit^ Ein lebhaftes Mitgefühl und Pflichtgefühl den untern Ständen gegenüber war in unferer Familie traditionell,- die ßarke Wirkung, die Jefaias' hinreißendes Feuer auf mich ausübte, beeinflußte midi ebenfalls in diefer Richtung. Und von modernen Schriftßellern war es befonders Dickens, der ähnlich auf mich wirkte. So hörte ich mit lebhaftem Intereffe von den fozialifiifchen Befirebungen, ohne die führenden Geifier diefer Richtung kennen zu lernen. Ich kaufte mir die zufällig im Schaufenfier liegende »Qiiinteffenz des Sozialis* mus« von Sdiäffle, die ich fehr gewiffenhaft durchlas und die mir großen Eindruck machte,- ebenfo die foäter erfolgte Lektüre des »Looking backward« von Bellamy, eine Utopie in nicht ungefchickter Romanform. Dies genügte, um einen Plan in mir entfiehen zu laffen, der, wie ich fpäter erfuhr, mit dem ühereinßimmte, was damals die gebildete ruffifche Jugend bewegte: ich wollte »das