Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 1 (April 1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
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p. D., ERINNERUNGEN 51 Feße fchön und würdig zu feiern und wo auch im Namen der Religion kleine Opfer und Entbehrungen gefordert wurden. Beides ein großer pädagogilcher Wert. Auch der unbedingte Refpekt vor 4en Eltern und älteren Menfdien, der als felbfiverfiändlich von uns Kindern gefordert wurde, entfpradi der jüdilchen Tradition. Unfer Hauptverkehr waren die Verwandten meiner Mutter, vor allem Tante und Onkel S. . diefer ein in vielen Berliner Kreifen ge? kannter und als tüchtig und gefdieit anerkannter Mann mit ftarkem Streben nach moderner Bildung, der doch an feiner koßheren Wirtftfaaft feßhielt und fein Judentum betonte. Anders war es in den jüdilchen Familien, die bereits feit längerer Zeit in Berlin wohnten und mit denen wir durch Mitfthülerinnen in Beziehung traten. Da war meiit alles Rituelle und gleichzeitig ^lles Religiöfe abgeßreift,- und es wurde angeßrebt, alles das auszurotten, was den Juden als Juden kenntlich macht. »Das iß jüdifdi!» galt als fchärffier Tadel. Als nächfie Stufe folgte die heftig verteidigte Meinung, daß es gar keinen wefentlichen Unterfihied zwilchen Deutlchen und Juden gäbe. Idi kann nicht fagen, daß dies mich innerlich fehr berührt hätte/ es hat midi aber äußerlich geßreift. Meine Liebe zu allem Jüdilchen war immer groß und im Tiefiten verbunden mit meinem religiöfen Gefühl. Dazu kam, daß wir zwei Aelteßen noch für eine Reihe von Jahren in eine Religionslchule gelehickt wurden, wo uns Hebräilch, biblikhe und jüdißhe Gelchichte und auf der letzten Stufe auch Religionslehre gelehrt wurden. All dies erregte mein wärmßes Interefle,« und ich wurde dort auch fehr anerkannt. Einen großen Einfluß auf mich hatte Dr. Kirchßein, der uns Religionslehre vortrug. Ich war noch fehr jung, bedeutend jünger als die anderen Schüle* rinnen, und dort wurde mir zum erßen Mal eine philofophifihe und - ethißhe Betrachtung nahe gebracht. Mein ganzes Schulleben war ein glückliches/ ich hatte das Glück, die Schule zu einer Zeit zu befuchen, in der fie nicht durch chauvinißifche Befirebungen ihre eigene Wirkung beeinträchtigte, da die Ideen von 48 noch nachwirkten und es zum guten Ton der europäifchen gebildeten Ge* felllchaft gehörte, den Menfdien nach feinem perfönlichen Wert, nicht nach feiner Abfiammung zu beurteilen und zu behandeln. Während der erßen Schuljahre allerdings mußte ich mich in einer pedantidhen Drefluranfialt quälen laßen, in der ich mich nie zurecht fand. Als es aber meinem Vater nach vielen Anßrengungen gelungen war, uns in die von Direktor Metzner geleitete fiädtifche Luifenfchule zu bringen, in der ein freier und freundfchaftlicher Ton zwilchen Lehrern und Schülern herrichte, lebte ich auf und wurde eine gute Schülerin, da mich ziemlich alles interelfierte. Ich arbeitete zu Haufe nicht viel, aber in der Klafle war ich fehr aufmerkfam. Von Einfluß war doch nur einer der Lehrer, Profeffor Goldbeck, der in den oberen Klaffen Gefchichts- und Literaturunterricht und auch Franzöfifch und Italien nifch gab. Im Italienifchen brachte er es in kurzer Zeit fo weit, daß er mit uns Dante lefen konnte/ und diefe wunderbare Welt, in die er uns fo früh führte, iß wohl für fo Manche wirkungsvoll geworden. Noch bedeutender war der Einfluß diefes Lehrers da^