Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 1 (April 1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
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50 D. D.. ERINNERUNGEN die ihr, wie fie fagte, unverletzlich waren, weil fo viele gute und kluge Menlchen, klüger und beffer als fie, daran feßgehalten und jedes Opfer dafür gebracht hatten. Wenn die Familie zu^ den Feiertagen nicht nach dem nahen Städtchen fahren konnte, fo hatte fie im eigenen Haufe ihren Gottesdienfi, ihr Minjan. Von der Güte, Sanftmut und Geduld diefer Fraü war jeder entzückt, der mit ihr in Berührung kam,- fie muß eine Idealgeftalt gewefen fein. Meine Mutter war ftets gerührt, wenn fie von ihr [prach. Es war ein feltenes Verhältnis zwilchen den beiden Frauen,- und es war eine der liebßen Erinnerungen meiner Mutter, daß die Schwiegermutter fie einmal Ruth genannt hatte, Ihre Wohltätigkeit kannte keine Grenzen/ und fo ereignete es fich, daß einft, bei einer Firmelungsfahrt, der Brzbilchof von Breslau ganz überrafchend mit feinem ganzen Gefolge von Geiftlichen in den Gutshof der Groß* eitern einfuhr, abßieg und ins Haus trat, um die Frau kennen zu lernen, deren Namen er von den Lippen aller Armen gehört hatte. Sie verkehrte freundfchaftlich mit den Vertretern beider chrißlichen Konfeffionen. Ein wahrer Freund war der Erzprießer in dem benachbarten Pfarrbezirk. Auf ihren kleinen Badereifen näherten fich ihr wirklich vornehme Geifier, fo der große Altphilologe Böckh, der Naturforfcher Nes von Efenbeck. Die Kinder erzog fie nach Rouffeaufchen Prinzipien; und diefe Betonung der Freiheit der Entwicklung, verbunden mit ihrer großen Güte, die ihr jede Härte unmöglich machte, wirkte nicht durchaus gut. Am befien gelang es bei den Söhnen, obgleich fie vielleicht auch, härter angefaßt, mehr hätten werden können, hochbegabt, wie fie alle waren. Jedenfalls wurden fie feine, vornehm gefinnte, gute Menlchen. Die beiden Töchter, $ie zu meiner Zeit noch lebten, waren zügellosman merkte ihnen an, daß fie nicht zur Selbßbe^ herrlchung erzogen worden waren. Dies war die Schattenfeite einer immerhin erwähnenswerten Originalität; und ich behalte mir vor, noch einmal von ihnen zu erzählen. Von den eigenen Eltern nach Gebühr zu fprechen, erfdieint mir unmöglich, ebenfo, fie zu fihildern. In zu großer Nähe fieht man ebenfo Ichlecht wie in zu großer Ferne. Ich kann nur fagen, daß mein Vater immer der Gegenfiand meiner innigfien Liebe und Verehrung war, daß er mir bis zu feinem Tode die liebfie Ge^ felllchaft war, die ich allen andern vorzog, daß ich noch heute mit Sehnfucht an fein Gefpräch, fein gütiges Lächeln denke. Meine Mutter war ein Mußer von Tüchtigkeit und Pflichttreue. Die innigfie Liebe verband diefe beiden Menlchen, und wir Kinder hatten das Glück, in einer Ehe aufzuwachfen, wo gegenfeitige Liebe, Hoch^ Ichätzung und Rückfichtnahme niemals ausletzten. Ich bin in Breslau geboren und war vier Jahre alt, als die Eltern nach Berlin zogen. Mit dem Uebergang in die Großßadt wurde wohl Einiges von der Strenge nachgelaffen, mit der urfprüng* lieh die Ritualgefetze gehalten wurden, und mit den Jahren ver^ Ichwand nach und nach manches. Immerhin bin ich noch in einem traditionell jüdifihen^ Haufe^aufgewachfen, wo man es verfiand; die