Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Wille · 1919-04-01 · Heft 1 (April 1919) · page 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 1 (April 1919)
Date
1919-04-01
Page
– (sequence 51)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2827066-2827074-2827075--0458-2827560
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

D. D., ERINNERUNGEN 49 mich und für meine Schweiler hinterließ. Wenn fie am Jomtow in Schul ging, im fchwarz feidenen Kleid, weißen Crepe de Chine** Tuch, reich weiß geftidrt und mit Franfen, die weiße »Blonden«* haube auf dem Kopf, fah fie (ehr würdig und ftattlich aus. Einmal erkrankte meine Mutter an Jon kippur,- da erhielt ich den Auftrag, mit der Großmama zu gehen und ihr die Gebete vorzufagen. was ich fehr gut machte. Das trug mir viel Ehre und eine Vorliebe der Großmama ein. Auch in der Familie meines Vaters wußte man viel von den Vorfahren. Er felbft war fchweigfam und erzählte wenig/ deftö mehr feine beiden Schweibern. Der Urgroßvater. K . . . lebte in K. als gefürchtetes Haupt der Gemeinde. Er war Gutsbefitzer und Weinhändler; dabei auch, wie alle angefehenea Juden feiner Generation, ein Kenner und Liebhaber aes jüdifchen Wittens. Nach dem Tode feiner erften Frau heiratete er die jüngere Schweiler feiner Schwiegen tochter, meiner Großmutter. Diefe zweite Frau, allgemein Tante Gütel genannt, war fchön und ftattlich, ftolz und hochmütig. Mit ihr hatte er noch eine ganze Schar Kinder, im ganzen achtzehn Kinder, die meift ein hohes Alter erreichten. Die Großmutter war in Wien geboren, war aber in Wilna bei einer viel älteren Sch weiter erzogen, die geiftreich und modern gebildet war und in deren Haus alles, was geiftig oder fozial bedeutend in Wilna war, verkehrte. Die Bildung, die meine Großmutter dort erhielt, war eine ganz franzöfifche,- und fo kam es, daß ihr die franzöfifche Literatur immer am vertrauteften blieb, daß fie gerne franzöfifch fprach und fchrieb, auch in diefer Sprache dichtete. Nach dem Tode ihrer Schweiler kam fie zurück in ihr Elternhaus nach Wien. Ihr Vater, Israel A., war ein angefehener Bankier. Sein Teftament exiftiert noch in unferer Familie und zeugt von einem originellen Geift. Hervorgehoben fei daraus, daß er eine Stiftung zur Ver* Fügung feiner Heimatgemeinde, Buczacz in Galizien, machte> von deren Genuß er feine Nachkommen ausfchloß. Es foll noch ein Stammbaum diefer Familie exiftieren, der auf den König David zurückgeht. Eu ihren Vorfahren foll der berühmte Gelehrte Chacham Zwi gehören, und auch von einem Vorfahren, der Leib* arzt des Sultans war, wird erzählt. «Als der Großvater die Großmutter nahm«, war er Guts« befitzer in der Provinz Pofen. Später kaufte er ein großes Gut in Schießen/ dort entwickelte fich das ganze Familienleben. Mein Vater hatte einen älteren Bruder und drei Schweftern/ von denen die älteße und vorzüglichfte, an Güte und Sanftmut der Mutter gleich, im erften" Wochenbett ftarb. Mein Großvater war ein tüchtiger Landwirt, der ganz in feinem Beruf aufging; auch fein Äeußeres entfprach dem. Die Erziehung lag in den Händen der Großmutter, was ja auch der jüdifchen Tradition entfpricht, die über* haupt in diefem Haufe treu befolgt wurde. Trotz ihrer Verehrung für RouITeau und Voltaire war meine Großmutter eine innig fromme Jüdin und erlaubte fich auch kein Abweichen von den Ritualgefetzen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.