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Der jüdische Wille · 1919-04-01 · Heft 1 (April 1919) · page 50

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 1 (April 1919)
Date
1919-04-01
Page
– (sequence 50)
Language
German
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48 D. D., ERINNERUNGEN man geängfiigt an, ihn zu fudhen und fand ihn im Krankenhaufe der Gemeinae, die Kranken wartend. »Ich habe gewußt», fagte er, »daß Ihr folche Narren feid und glaubt, Gott zu dienen, wenn Ihr alle in Schul läuft und die Kranken allein laßt«. Einer feiner Söhne übertraf ihn an Gelehrfamkeit. Wenn fie dann über eine Thora^ oder Talinudßelle heftig geßritten hatten und fich nicht einigen konnten, fdhloß der Vater die Diskuffion mit den .Worten: »Mofch'eh Viktor. Du i>i(t klüger, ich bin älter«. Dies, wurde oft citiert, Die Frau diefes Autokraten foll fehl' ßolz und vornehm gewefen fein, fie leitete ihren großen Haushalt nur von oben herab. An jedem Sdhabbes und Jomtow war große Tafel für Gälte und Bedürftige. Am Vorabend ging die Urgroßmutter in die Küche — nur dann — und richtete die Teile für die Leute her, die fidi das Fefitagseflen abholen durften. Soviel ich den Erzählungen meiner Mutter entnehmen kann, zeigte ihr Vater, der Sohn aus diefem ßolzen Haufe, feine vornehme Gefinnung mehr durch Güte, Ruhe und Milde, als durch Hochmut. Er lebte feit feiner Verheiratung in Deutfchland, erß in der Provinz Pofen, dann in Breslau, wo auch meine Mutter, das jüngße Kind, erzogen wurde. Ihre Mutter lebte eine Reihe von Jahren bis zu ihrem Tode in unferem Haushalt. Sie war eine große fiarke Frau, ftdher einmal fchön gewefen, wovon noch ein gutes Paßellbild in unferer Familie zeugt. Sie hatte bis zuletzt fehr fchöne Farben, noch auf dem Totenbette, einige 80 Jahre alt, einen blendend weißen, feßen Körper und dunkle Haare, die bei ihrem Leben immer unter dem »Scheitel« verborgen waren. Nun war fie erblindet und trug dies fchwere Los mit bewundernswerter Ruhe und Geduld. Sie lebte eigentlich in einer Welt, die fie nicht mehr verfiand, in ihre Gefühle und Gedanken eingefponnen, die fie ganz für fidi behielt. Nie habe ich fie klagen hören. »Hätte ich meine Augen, fo wäre ich jetzt in Jerufalem«, fagte fie öfter. Uns Kinder liebte fie fehr, befonders das jüngße von uns, meinen einzigen Bruder. Wir waren wohl ihre einzige Freude. Idi erinnere midi, wie fie uns die Gefchichte vom »Babbe juddele« erzählte, audi Verfe vorfprach : »Mein Herr Maler, will er wohl«, »die Gedanken find frei«/ und Wirtfchaftsregeln in fefier Form, wie: »Mit Vielem hält man Haus, f , . Mit Wenig* kommt man aus«, und: »Es muß ausfehn, wie ein Indek <Puter>, Es muß ichmecken, v/ie ein Thdek, Bs darf aber nicht koften, wie ein Indek«. Und: »Wenn ich ausfahren will, befiell idi mir drei Kutfcher: einer verführt mich, den andern verführ ich, #nit dem Dritten fahr ich.« Ich las ihr fpäter öfters aus der Bibel vor, befonders jeden Purim das Buch Efiher. Sie war fehr fromm und beobachtete alle Vorfchriften. Am Freitag Abend brannten bei ihr vier Lichte in filbernen, fehr fchönen Leuditern,- von denen fie je ein Paar für

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