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Der jüdische Wille · 1919-04-01 · Heft 1 (April 1919) · page 49

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 1 (April 1919)
Date
1919-04-01
Page
– (sequence 49)
Language
German
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D. D.. ERINNERUNGEN 47 ERINNERUNGEN Ein junger Freund drängt midi, etwas über meine Entwick* lung aufzufch reiben. Goethe lagt, Jeder folle über (ich fchreiben, der im Stande fei, etwas über fich auszufagen. Aber gerade dies weiß idi nicht. Ich habe nie viel von dem »Erkenne Dich felbft« gehalten Ich habe fehr viel in meinem Leben gedacht, aber nie gern über mich felbfi nachgedacht, d. h. wohl über meine Hand* hingen und einzelnen Eigenfchaften, aber nicht über mein Ich, weil ich die Meinung habe, daß man fidi wohl kennen, aber nicht er* kennen kann. Ein jeder weiß beffer, als die große Menge der Andern, die Farbe leiner Haare und Augen, die Form feiner rJafe, des Mundes und der Zähne ufw.,- aber keiner weiß, wie fein An* blick als ganze Erfcheinung ift und bedarf des Spiegels, um dies zu erfahren. Der Spiegel für unfere Individualität ift unfere Wir* kung auf die Aftdern, wenn wir nicht zu den Glücklichen gehören, die fthaffen und etwas aus fidi heraus ftellen können. Nun habe ich nie gerne in den Spiegel gefehen, und auch mich zu werten, indem ich die Werturteile der Andern fummiere, war mir immer läftig und langweilig. Angenehm bei Andern und; bei mir war und ift mir »des Handels ewige Unfchuld.« Wenn idi nun dem freundlichen Drängen nachgebe und über: mich fchreibe, fo gefchieht es, weil ich beim Nachdenken über meii* Leben entdeckt habe, daß die großen Linien doch fehr typifdi find, daß ich alfo, trotzdem ich wohl meift als fehr befonders empfunden wurde, ein rechtes Kind von Zeit* und Ortsumftänden bin und daher das, was ich zu fagen habe, einen gewillen Wert erhält.. Ich gehöre einer der fogenannten guten jüdifchen Familien an, in der ein fehr ftark entwickelter Familienfinn die Glieder verband und auch die Erinnerungen an die Vorfahren gepflegt wurden. Meine Mutter erzählte gern von ihrem verftorbenen Vater, den fie über alles geliebt hatte/ er war ein vornehm empfindender Mantv mit altjüdifcher Kultur und Bildung und von großer Frömmigkeit/ er liebte alles Schöne und Feine, zog lieh gut an und fammelte fchön getriebene Silberfachen, wovon noch einiges im Befitz unferer Familie ift. Er ftammte aus Rußland. Sein Vater war ein angesehener Kaufmann und Gelehrter in Lublin, der erfte Mann in der Kehilla.. Wenn er zur Frankfurter Melle mit eigenem Fuhrwerk fuhr, gaben ihm viele Glieder der Gemeinde Geld mit, um für fie einzukaufen oder Schulden zu bezahlen. Einmal wurde er unterwegs über* fallen und beraubt. Als fich die Nachricht davon verbreitete, war große Verzweiflung unter den kleinen Leuten, die fürchteten, um ihr Geld gekommen zu fejn. Als der Zurückkehrende dies hörte, geriet er in großen Zorn und ließ fich die Leute kommen. »Was Fällt Euch ein«, herrfchte er fie an, »ich bin beraubt worden, nicht. Ihr! Was gehen Euch meine Angelegenheiten an?« Einmai am Vorabend des Jörn kippur wartete man vor Be* ginn des Kol nidre lange auf den Reb JL., da er nicht kam, fing;

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