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Der jüdische Wille · 1919-04-01 · Heft 1 (April 1919) · page 20

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 1 (April 1919)
Date
1919-04-01
Page
– (sequence 20)
Language
German
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18 KUPTERBERG, GRUNDLAGEN UND AUSBLICKE man die langfame, dreiftufige perlonliche Entwicklung zur jüdifchen Entwicklung hin oder ftellt fie um. Wie in allen Ländern, fo auch in Deutfcfaland war es die nationaljüdifche Jugend, die etwa während des Krieges organifch in die Gedanken* und Gefühlswelt des Zionismus hineinwuchs und zuerft den normalen Entwicklungsweg zur jüdifdien Gemeinfchaft hin, wie er in feinen Stadien oben nachgezeichnet wurde, betrat. Die Hemmungen der alten Generation fielen hier fort Einmal waren die Menfchen, die jetzt im Bannkreis der zioniftifdien Idee auf* wuchfen, jung/ es fiel ihnen nicht fchwer, willig lieh einordnende Glieder einer Gemeinfchaft zu werden, fobald eine lebendige Gemein* fchaft ihnen überhaupt geboten war. Hier beginnt die Arbeit der Jugendgruppen und *organifationen, vornehmlich des Blau*Weiß. Man hat, auch in Blau*Weiß*Kreifen felbft, die Aufgabe diefes »Jüdifchen Wanderbundes« oft mißverftanden. Man hielt es für feine vornehmfte Pflicht, tief in zioniftifdien Gedankengängen wurzelnde Juden, die auf das Bafeler Programm fchwören und fich mit Buberfchen und Achad Haamfchen Theorien wirkungsvoll aus* einanderzufetzen wiffen, heranzubilden. In Wahrheit ift der Blau* Weiß nicht fo fehr die Stätte zioniftifcher Wiffensbereicherung, als vielmehr die menfehlicher Umftellung, jener erßen Stufe in der Entwicklung zur jüdifchen Gemeinfchaft Er darf nicht — wie Dr. Goldmann kürzlich in einem Artikel, der im »Deutfchen Reich« erfchien, behauptete—eine »Kadettenanftalt« des Zionismus fein/ er muß vielmehr fozial empfindende jüdifcheGemeinfchaftsmenfchen fchaffen. Den galuthjüdifchen Individualismus zu überwinden, dasift fein Ziel. Die jungen Nationaljuden, die nun im Blau*Weiß, in feft umrilfener jüaifcher Gemeinfchaft, heranwuchfen, waren nicht mehr die Opfer jenes pfychologifchen Zwanges, der (ie mit übergroßer Haft zur dritten Entwiddungsftufe des Zioniften, zu den Inhalten der jüdifchen Kultur, hintrieb. Sobald fie menfehlich in ihrem Kreife Wurzel gefaßt, fobald fie alfo die individualiftifche Grundtendenz ihres Wefens überwunden hatten, klaffte ein unüberbrückbarer Abgrund zwifchen ihnen und der Umwelt, in der fie lebten. Hier die Väter, Individualiften par excellence, felbftgenügfam, felf*made men in jeder Hinficht/ dort die Söhne, Gemeinlchaftsmenlchen, über die Begrenzungen der Individualität hinausftrebend, fich freudig dem Mitmenfchen hingebend! Und wenn man die fremde Kultur der Umwelt auch mehr oder minder in fich eingefogen hatte man fühlte fich andersartig, wefensfremd, man glaubte fich nicht affimiliert Das heißt: man verdrängte die Affimilation, als man fie gedanklich erß einmal verneinte <was nun nicht mehr Anfang der Entwicklung zur jüdifchen Gemeinfchaft war)/ nicht mit der Stärke, mit der die älteren Zioniften fie nach dem pfychophyfiologifchen Gefetze von Kraft und gleicher Gegenkraft verdrängt hatten. Die Uberwindung jüdifch^kulturelier Ignoranz, die mehr und mehr zur Überwindung jüdifcfa^kultureller Unproduktivität wurde, war nicht mehr Grundftein, fondern Schlußftein in der Entwicklung des Einzelnen zur Gemeinfchaft.

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