Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 1 (April 1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2827066-2827074-2827075--0421-2827523- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 BLUMENTELD, DER GEIST DES K. J. V. Kartell bei den Beßen feiner Mitglieder erreicht. Daher haben auefe die entlehnten Formen nicht in dem Maße fehädlich gewirkt, wie man es heute vielfach annimmt. Wir blieben immer die Herren diefer fremden Formen und wurden durch fie niemals in unferen* Wefen beeinflußt. Wandelbar find im K. J. V. Formen und zionißifche Anfchauungen, unverlierbar aber das menfefaliche Ideal, dem der K. }. V.*er nachßrebte. Gerade unter den veränderten Verhält* niflen wird es unerläßlich fein, die Kraft diefes Ideals zu bewähren, das durch die letzte Entwicklung in unferen Reihen verdunkelt worden iß. Die Einheit unferes Kartells iß durch die Entwicklung der letzten Jahre bedroht worden. Eine allgemeine Erkenntnis gibt uns jedoch die Möglichkeit, diefe letzte Entwicklung des K. J. V. zu verfiehen und zu überwinden. Was wir in unferen Reihen er* leben, iß ein Abbild der großen Weltßrömungen, die heute die Geifier beherrfchen. Derfelbe Konflikt der modernen Kultur, den Simmel in feiner gleichnamigen Schrift darfiellt, wird auch in unferen Reihen fühlbar. Ich will den Gedankengang Sinimels hier an* deuten; Leben hat (ich immer nur in Formen offenbaren können t die durch das Leben gefchaffene Form jedoch, die befienfalls im Augenblicke ihres Entlehens dem Leben entsprochen hatte, trat mit dem Anfprueh auf, ein Eigenleben zu führen und das Leben zu meifiern. Da fie aber nicht mehr imßande war, das neue, in fie hineinfirömende Leben aufzunehmen, begann der Kämpf des Lebens gegen die Form, der immer damit endete, daß die einftr durch das Leben gef&affene Form zerbrochen wurde. In den* Zeiten jedoch, in denen das Leben darum rang, in neuer Weife in die Erfcheinung zu treten, wurde fdion die neue Form, die an die Stelle der alten treten follte, vorbereitet. In dem Augenblick, im dem die alte Form zerbarfi, trat an ihre Stelle die präformierte neue. Heute zum erfien Mal verfocht das Leben etwas, was es noch nie gekonnt hat. Es verzichtet darauf, zum Phänomen zu werden/» und will ohne Form wirkfam werden. Die alte Form iß unter dem Anfiurm des Lebens zerbrochen, und diefem neuea Leben fehlt der Wunfeh, fich einheitlich und eindeutig darzufiellen. Aber nur Nerven werden bloßgelegt, Stimmungen und Nuancenwollen ohne das Medium der Form unmittelbar wirkfam werden. An die Stelle der alten, objektiv zu erfaflenden kultur* fchöpferifchen Verbände der Menfchen treten von Gemeinfchafts^ idealen erfüllte Gruppen. Diefe Weltfiimmung wirkt auch in unferen Reihen. Gruppen? find entfianden, die ihre Bedeutung darin erblicken, daß alle ihre Mitglieder durch völlige Abgeßimmtheit der Seelen miteinander ver* bunaen find. Ein familienhaftes Gemeinfchaftsideal haben fie lieh aufgerichtet, das nur folche ertragen kann, die fich der Stimmung der Gruppe harmonifch einfügen. Der Wert der Gruppe liegt in der Gefinnungsnuance, die fie von anderen unterfcheidet. Sie ver^ ziehtet darauf, zu werben, neue Menfchen in ihren Bann zu ziehen, damit die Melodie aller Seelen in voller Reinheit erklingen kann*.