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Der jüdische Wille · 1919-02-01 · Heft 6 (Februar 1919) · page 52

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 6 (Februar 1919)
Date
1919-02-01
Page
– (sequence 52)
Language
German
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./ GrzeBihafcß, Eindrucke über Juden und Judentum 369 Die armen jüdifchen Frauen und Mädchen> die auf den Bahnhöfen Brote und Semmeln anbieten, find eine bekannte Erfcheinung in Polen. Was mir aber neu war und mir das Herz zufammenfchnürte, war eine in ihren Blicken und Gebärden nicht einwandfreie Verkäuferin. Das Wort »Schatz«, das fie offenbar von den deutfchen Soldaten gelernt hatte und mit dem fie jeden deutfchen Mus** ketier beehrte, erfchien mir als eine Entweihung ihrer jüdifchen Lippen. Auf demfelben Bahnhof fah ich auch Juden als. polnifche Legionäre. Sie waren, da fie keine Befchäftigung hatten, aus Not in .die Legion eingetreten. Sie erhielten 7.50 Mk. für zehn Tage, und dazu dürftige Verpflegung. Außerdem hatten fie fehr unter der jüdenfeindlichen Gefinnung ihrer polnifchen Kameraden zu leiden. Von der Stimmung der Befatzungstruppen gegen die jüdifche Bevölkerung erhielt ich in Grodno ein Bild. Dort befand fich im Mannfchaftsfpeiferaum ein Plakat in deutfcher, lithauifcher und polnifcher Sprache, in dem die heimkehrenden Soldaten feitens der Behörden offiziell davor gewarnt wurden, ihr Geld bei Juden zu wechfeln. Um die Kameraden »vor Uebervorteilungen der fich an die Soldaten herandrängenden Juden« zu bewahren, waren amtliche Wechfel/tellen errichtet. Ich möchte dazu bemerken, daß ich bis dahin nirgends eine amtliche Wechfelgelegenheit gefunden hatte und daß in Warfebau die offizielle WechfeU ftelle 1.08 Mk. für den Rubel gab, während die jüdifchen Händler 1.10 Mk. bis 1.17 Mk. zahlten. Das Schlimmlte auf diefem Gebiete erlebte ich in Jablonna. Dort hatte ein jüdifcher Händler vor den Quarantänebaracken einen offenen Verkaufsltand. Ich ließ mir durch ihn den »Moment« und die »Hazefirah« aus Warfchau mitbringen und kam daher in ein «Gefpräch mit ihm. Als er hörte, daß ich bei einem Gefecht an der Front gefangen worden fei, traute er feinen Ohren nicht: »Man hat mir doch gefagt, daß man bei Euch keinen Juden zum Militär nimmt, höchftens als Schreiber oder Kaffierer.« Und dabei lebte diefer Jude fchon faß drei Jahre unter deutfchen Soldaten. Auch an jüdifchen ErlebnilTen war meine Quarantänezeit nicht arm. Ich hatte einen Paffierfchein und konnte mich daher auch außerhalb des Lagers frei bewegen. Natürlich fuchte ich auch hier wieder Juden auf, es wohnten einige Familien im Dorf. Einmal hatte ich eine intereflante Diskuffion über den Zionismus mit einigen Chaffidim. Sie find unfere Gegner aus zwei Gründen : wir hätten nur noch dreihundertzweiundzwanzig Jahre im Galuth zu fein, und daß unfer Volk leide, fei unvermeidlich und nur ein Zeichen des nahenden Mefchiach, eine folche läuternde Strafe fei auch die fchlechte Behandlung durch die Deutfchen. Diefe Chaffidim fehnten fich übrigens nicht nach »Gleichberechtigung«, wollten auch keine »Orthodoxie«, die »kurze Kleider« trägt. Bei diefer Gelegenheit erfuhr ich auch, daß ein »Rebbe« zur Kur im Dorf fei,- ich ließ es mir nicht nehmen, ihn am Sabbath aufzufuchen. Ihn felbft durfte ich nur begrüßen, dafür nahm ich am Elfen teil und bekam von jenen »Schirajim« zu eflen, die der »Schames« mit würdiger Miene und gemelfenen Schritten aus dem Eßzimmer des »Rebbe« zu uns brachte. Es wurde übrigens mehr getrunken als gegeflen ,• die Tifchgefellfchaft beftand aus Verehrern des »Rebbe« und einigen »Orchim«. Einer diefer »Orchim«, ein feines ganzen Vermögens beraubter, ehemaliger reicher Kaufmann erzählte mir feine ganze Lebensgefchichte, am Schluß fügte er, mit jenem nur in diefen Kreifen verftändlichen Galgenhumor hinzu : »Ich hab' nur noch ein einzig Stück Vermögen gerettet«, dabei zeigte er auf feinen fchönen, fangen Bart. Vom neuen jüdifchen Geift wußte man in diefem Dorf wenig, wenngleich s Im Nachbardorf eine Herzlfeier für den 20. Tamus geplant war. Nur einen jüdifchen »Scout« entdeckte ich auf meinen Spaziergängen. "Man erkennt diefe Tungen an ihrem jüdifchen Typ und an ihrem felbftbewußten Auftreten fofort. Es waren zehn-» und dreizehnjährige Knaben, frifch, fröhlich und ftolz / fie fangen hebräifche Lieder mit Freude und Pathos, wanderten während ihrer Ferien viel herum und lernten dabei hebräifch. Das Zufammenfein mit diefen Jungen war für mich ein fchöner Abfchluß meiner Gefangenfchaft.

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