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Der jüdische Wille · 1919-02-01 · Heft 6 (Februar 1919) · page 53

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 6 (Februar 1919)
Date
1919-02-01
Page
– (sequence 53)
Language
German
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370 Neumann, Ofchamnu, bogadnu Nach wenigen Tagen war ich endlich wieder im Elternhaufe, das ich vier Jahre nicht gefehen hatte. Ich war reich an Erfahrungen, hatte das Leben von feiner ernfteften Seite kennen gelernt, doch ich hatte auch vieles erlebt und gefehenr deflen ich mich gern erinnere. Im großen und ganzen waren die Jahre der Gefangenfchaft nicht nutzlos vorübergegangen, ganz gewiß nicht in jüdifcher Beziehung. Darüber aber, und insbefondere über unfer jüdifches Leben und unfere jüdifche Arbeit in der Gefangenfchaft, ein anderes Mal". ' z. Zt. Berfin * Benno GrzeBinafS OSCHAMNU BOGADNU Eine Art Laienpredigt zum Jörn Kippur Am jom Kippur fagen wir Ofchamnu bogadnu und bekennen viele und fchwere Sünden. Und wenn wir in einer Orgelfynagoge find und nach deren Machfor beten, bekennen wir nur die Hälfte davon, denn es ift doch klar, daß ein guter braver, liberaler Balboß weder ftiehlt noch betrügt noch wuchert oder Hurerei treibt. Das war vielleicht einmal. Früher. Aber fo etwas kommt jetzt natürlich nicht mehr Vor. Aber der Mann, der einmal — früher — das Ofchamnu*Gebet in tieffter Zerknirfchung gedichtet hat/ der hat ficherlich auch nicht gemordet und betrogen und all die fchweren Verbrechen begangen, deren er fich zitternden Herzens zieh. Und fagt doch: Ofchamnu. Denn er wußte: Einer in Israel hat gemordet, und einer hat geftohlen, einer hat Übles geredet und einer hat gehurt. Und fein Herz fprach ihn fthuldig des Vergehens feiner Brüder. Der pölnifche Regent und Erzbifchof Chmelnitzki hat Herrn Meier aus Kempten empfangen und hat ihm gegenüber das jüdifche Volk fchwerer Vergehen befchuldigt/ der Wucher und die Proftitution ftänden auf dem Schuldkonto der Juden in Polen. Der Erzbifchof ift ficherlich ein gerechter Mann, und wenn er übertreibt, fo tut er es gewiß nur der größeren Deutlichkeit wegen, und wenn er befchimpft, fo will er gewiß nicht kränken. Das Schlimmfte an dem, was er fagt, ift ja auch nicht, daß er es fagt, fondern, daß ein Körnchen Wahrheit darin iftr oder gar ein ganzes gerütteltes Maß Wahrheit. Was hilft es, die Augen zu fchließen und Lobgefänge zu fingen. Es ift: doch wahr: Jüdifche Dirnen locken zu Hunderten, in Warfchau und Wilna, jüdifche Wucherer beuten das Land aus. Das herrliche Volk in all feiner Urfprünglichkeit und Kultur, in all feinem edlen vieltaufend* jährigen Stolz ift: moralifch krank, und die Krankheit frißt fort mit graufiger Schnelligkeit und droht, in Krieg und Revolution alles zu zerfreifen, was »noch gefund ift. Daß die anderen Völker im Kriege auch nicht befler geworden find, daß die Zehngebote und die chriftliche Liebeslehre außer Mraft gefetzt, ein Spott geworden find, daran dachte der Erzbifchof freilich nicht. Daß des jüdifchen Volkes Lafter nur eine Folge feines namenlofen Elends find, das geht ihn ja auch nichts an. Jefus Chriftus hat alle Verirrungen verbanden, und er hat alle ver* ziehen. Aber wenn man Erzbifchof ift, braucht man das vielleicht nicht mehr, und wer den Purpur des Regenten tragt, kann einen dreckigen Kuttenjuden wohl auch nicht verftehen. Und was fchiert uns überhaupt der Erzbifchof? Er braucht ja nicht Ofchamnu zu fagen. Daß es aber Juden gibt, die fich kühl und verächtlich auf des Erzbifchofs Standpunkt Hellen, das ift fchlimm, und die hochmütige Überheblichkeit und Fremd* heit, die man in manchen K. C.*er*Feldpoftbriefen findet, treibt uns die Röte des Zornes und der Scham ins Geficht: »Zaddikim anachnu. Wir haben nicht ge* fündigt, aber jene find Sünder.« ~ Ja, du haft recht. "Du felbft wucherft nicht. Und .deine Schwefter ift keine Hure. Aber dein Vater ift Kommerzienrat. Du.

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