Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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368 Grzeßmafcß, Eindrücke über Juden und Judentum hältniffe m, E. romanhaften Entfchluß bewogen hat/ vielleicht waren es auch persönliche Gründe. Ich empfing von ihm den Eindruck einer gefchlolTenen Perfön* lichkeit, die an deutfche VerhältnilTe gewöhnt im nationalen Uebereifer, aber ficher in befter Abliebt, für eine verlorne Sache kämpft. Ruffifche Studenten laden fich nun einmal nicht in beftimmte Formen zwängen. Da ich nun fchon einmal in Petersburg war, fo verfuchte ich, das Mitglied des Vorftandes des »Hamifchpat haiwri« kennen zu lernen. Der »Hamifchpat haiwri« ift eine Vereinigung, die im Jahre 1918 gegründet wurde und die fich die Erforfchung und Kodifikation des jüdifchen Rechtes zum Unterricht an der Univerfität Jerufalem und zur praktifchen Anwendung in Paläftina zur Aufgabe gemacht hat. Die Gründer find meift jüdifche Rechtsanwälte. An der Spitze flehen die Rabbiner Dr. Mase~Moskau und Dr. Eifenftädt^Petersbutg. Ich habe trotz eifrigen Bemühens das Vorftandsmitglied des Vereins in Petersburg nicht erreichen können. Noch eine Inftitution möchte ich erwähnen, die ich in Petersburg kennen lernte, die jüdifche Volksküche. Den Segen diefer Einrichtung kann man erft dann ermeflen, wenn man bedenkt, daß fchon damals in Petersburg ein Pfund Brot zehn Rubel koftete und daß die tägliche Ration für die Bourgeois fünfzig Xjramm betrug. In der Volksküche erhielt jeder Jude für 1,60 Rubel oder, wenn er eine entfprechende Befcheinigung von der Gemeinde vorzeigen konnte, auch unentgeltlich ein gutes Stück Brot, eine warme Suppe und Gemüfe. Uebrigens gibt es in Petersburg gute und befonders vornehm eingerichtete kofchere Reftaurants, m denen man für allerdings fabelhafte Preife gut und reichlich ißt. lieber das jüdifche Leben in Petersburg kann ich natürlich wenig berichten. In den Straßen fah ich viele Plakate in jüdifcher Sprache, in denen Verfammlungen jüdifcher Soldaten und Arbeiter angekündigt wurden. Ich hatte keine Gelegenheit, hinzugehen, weil wir ftündlich unfere Abreife erwarteten und uns die Befchaffung der Reifelegitimatiori viel Zeit koftete. Schon nach zwei Tagen war ich im befetzten Gebiet. Meine Kriegs* gefangenfchaft hatte ihr Ende erreicht, und ich könnte hier auch meinen Bericht fchließen. Dennoch glaube ich noch alles das mitteilen zu muffen, was ich bis zu meiner wirklichen Heimkehr an Jüdifchem noch fah und hörte. Denn einmal dauerte die Gefangenfchaft, wenn auch in veränderter Form, noch bis zum Lieber« fchreiten der deutfchen Grenze. Sodann aber mag es intereflant fein, Dinge und VerhältnilTe, die andere in jahrelangem Aufenthalt befTer und eingehender haben beobachten können, mit djen Augen eines Gefangenen betrachtet zu fehen. Zweierlei habe ich auf der kurzen Fahrt von Petersburg nach Warfchau und fodann im Quarantainelager Jablonna fofort wahrgenommen : die Not der jüdifchen Bevölkerung und großen Antifemitismus. Was ich oft in Berefowka im »Petrograder Togblatt« über die Lage der Juden in den occupierten Ländern gelefen hatte, deffen wurde ich gleich am Wilnaer Bahnhof gewahr. Ich fah ein zwar dürftig gekleidetes, aber ihren Gefichtszügen und ihrer Haltung nach edles und vornehmes jüdifches Mädchen. Ihre Eltern hatten in Wilna eine Konditorei, die fie nach Einzug der Deutfchen fchließen mußten. Vor Gram waren fie geftorben, nachdem iie das kleine Vermögen aufgezehrt hatten. Das Mädchen war nun gezwungen, fich als Straßenarbeiterin ihr Brot zu verdienen ein Bruder war wegen politifcher Umtriebe von den Ruflen nach Sibirien verbannt worden, ein anderer ftand im ruffifchen Heeresdienft. Von beiden konnte fie keine Nachricht haben — es war ein jammervolles Bild, diefes Kind aus gutem jüdifchen Haufe bei der ihr ungewohnten, harten Arbeit zu fehen, bei der fie kaum das fchlechte Ellen verdiente. Noch andere Bilder jüdifchen Elends fah ich. In Bialyftock be* obachtete ich einen fogenannten »Kinftenmacher«, einen Mann Mitte der dreißiger mit feinen beiden Kindern. Er kündigte fich durch Schellengeläute an. Das »Handwerkzeug« beftand aus einem »Teppich«, einem roten Wams für die Kinder, einem Tifch und einem Stuhl, den die kleine Gefellfchaft felbft trug. Die »Kinfte« machten die Kinder und dann er. Der Arme hatte gehört, daß ein Soldatentransport durchfahre und konnte im Vertrauen auf die »Kunftliebec unferer Musketiere nicht fchnell genug zu uns kommen ~ er mußte aber ohne einen Pfennig abziehen, nicht ohne einen leifen Fluch auf den Lippen.