Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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Grzeßinafcß, Eindrücke über Juden und Judentum 367 fröhlichen Eindruck/ manche von ihnen waren außerordentlich lebhaft Den Gefangsübungen folgten turnerifche Freiübungen, die von einem jungen öfter* reichifchen Kriegsgefangenen, dem die turnerifche Ausbildung anvertraut war, geleitet wurden. Seine Kommandofprache war hebräifch/ die Uebungen wurden exakt ausgeführt Was mir 'mißfiel, war eine gewifle äußere Unruhe und Un* Ordnung/ das ift aber der Wildheit der fibirifchen jüdjfchen Jugend im allgemeinen zuzufchreiben. Sie waren trotzdem mit großer Luft und Liebe bei der Sache und werden fich, bei geeigneter Führung, ficher fehr bald auch an die äußere Disziplin gewöhnt haben. Uebrigens wohnten auch zahlreiche Familienmitglieder, insbesondere die Mütter, mit großem InterelTe den Uebungen der Turnenden bei. Bei meinem zweiten, ganz kurzen BeTuch hatte ich Gelegenheit, die ganz Kleinen im Alter von fechs bis acht Jahren turnen zu fehen. Sie nahmen die Sache noch wenig ernft und betrachteten das Ganze als Spielerei. Als ich das letzte Mal in Irkutsk war, befuchte ich die große Gemeinde* bibliothek/ fie ift im Tempelgebäude untergebracht und wurde damals von einem öfterreichifchen GefinnungsgenolTen, einem hebräifchen Lehrer aus Galizien, nach ganz modernen Grundfätzen verwaltet. Die Bibliothek ift außerordentlich groß und wertvoll. Der Verwalter erzählte mir, daß kaum ein Buch, weder der alten, noch der neuen hebräifchen Literatur fehle. Die Bibliothek wurde" außerordentlich eifrig benutzt/ auch Kriegsgefangene erhielten ohne weiteres Bücher, man borgte uns gegen eine kleine Leihgebühr einige neuhebräifche Bücher. In nähere Fühlung bin ich auch mit den Irkutsker Juden nicht gekommen, da ich es vorzog, von der einzigen, und wie fich fpäter herausftellte, letzten Gelegenheit, nach Haufe zu kommen, Gebrauch zu machen. Während meiner zehntägigen Bahnfahrt von Irkutsk" nach Petersburg be* gegnete ich in unferem Zuge zwei litauifchen Juden, die im Jahre 1914/15 nach Sibirien verbannt waren, feitdem keinerlei Nachricht von ihren Angehörigen erhalten und fich fchon wiederholt vergeblich bemüht hatten, in ihre Heimat zurückzukehren. In Petersburg felbft, wo ich mich eine Woche aufhielt, war mein erfter Weg zum Zentralkomitee der zioniftifchen Organifation Rußlands. Ich wurde -außer* ordentlich liebenswürdig aufgenommen und über die neueften Vorgänge innerhalb des Judentums orientiert, foweit fie mir nicht Ichon aus den jiddifchen und hebräilchen Zeitungen, die man übrigens in Sibirien und Rußland an jedem größeren Bahnhof kaufen kann, bekannt waren. Im Büro zeigte man mir auch die erfte Nummer unferer Zeitfchrift »Der Jüdifche Wille«, die foeben aus Kopenhagen gekommen war. Auf meine Frage, wie fich die bolfehewiftifche Regierung zum' Zentralkomitee ftelle, erwiderte mir der Sekretär, daß fie die »bourgeoife« Organifation zwar nicht gern fehe, daß man fie aber unangefochten lalfe, weil man einftweiien mit wichtigeren Dingen befchäftigt fei. Ich erkundigte mich befonders eingehend nach dem Stand der zioniftifchen Bewegung unter der Jugend, befonders der akademifchen. Ich ent* nahm den Ausführungen, daß auch die Jugend parteipolitifch zerfplittert fei. An der Univerfität gibt es keine fogenannte Affimilantenverbindung, dagegen eine Anzahl jüdifcher Fachvereine, die fich mit jüdifch * politifchen Angelegenheiten be* fallen. Diefen Fachvereinen ftehen die an allen ruffifchen Univerfitäten vertretenen »Hechawer« * Vereine gegenüber. Diefe haben zioniftifche Tendenz und arbeiten politifih eifrig für die Partei/ aus. ihrer Mitte gehen die Führer und Organifatoren der Bewegung hervor. Die Mitglieder genießen eine ähnliche Erziehung wie in unferen K. J. V.*Korporationen. An einer ftraffen Diszipfin fehlt es, eine Satis* faktionsfrage kennen, mit Ausnahme der baltifchen Verbindungen, alle ruffifchen akademifchen Vereine überhaupt nicht Der Hechawer will die Vertretung der gefamten jüdifchen Studentenfchaft an der Univerfität fein. Es ift ihm in Peters* bürg auch in diefem Jahre gelungen, eine Zufammenfchließung aller akademifchen jüdifchen Vereine, einfchließlich der Fachvereine, auf jüdifch * nationaler Grundlage zu erreichen. Intereflant ift der Verfuch einer kleinen Gruppe von jungen Studenten, die zunieift in Deutfchland ftudiert haben, eine zioniftifche Verbindung nach deut* fchem Mufter, mit Paukwefen, Comment und Kneipkouleur zu gründen. Ich fachte den Gründer auf/ er ift ein junger Arzt, den anfdieinend nur die Unzufriedenheit mit der angeblichen Undiszipliniertheit des Hechawer zu feinem für ruffifefce -Ver*