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Der jüdische Wille · 1919-02-01 · Heft 6 (Februar 1919) · page 49

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 6 (Februar 1919)
Date
1919-02-01
Page
– (sequence 49)
Language
German
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36b Grzeßtnafcß, Eindrücke über Juden und Judentum In großen Bildern fchmückten Tie das Heim diefes fibirifchen Schocheth/ er wird fie ficher alle auch aus ihren Werken gekannt haben, wenn er das Bedürfnis hatte, fie fich an die Wand zu hängen. Zu gern hätte ich mich mit diefem Schocheth unter« halten, doch unfer Feldwebel trieb uns zur Eile. Wir hatten nur bis 2um Nach* mittag Urlaub. Und wie hatte ich den Weg zu dem Schocheth gefunden? Soviel ruffifch, um unferem Begleiter den Begriff des Schocheth * klar zu machen, konnte ich nicht. Den Rabbiner nach der Wohnung zu fragen, hatte ich vergelten. Da lief uns ein fchwarzgelocktes, etwa achtjähriges Jungchen entgegen, mit runden, roten Backen und tieffchwarzen Augen / ich zweifelte nicht daran, daß es ein jüdifches Kind war. ch hatte fchon im Lager von der hebräifchen Schule der Gemeinde gehört und fragte den Knaben hebräifch, wo die Wohnung des Schocheth fei. Er war über meine Anrede nicht im geringften erftaunt, fondern zeigte uns freundlich fofort den Weg. Lange noch ftand uns diefes Kind vor Augen, als fich die Tore des Gefangenenlagers längft hinter uns gefchloflen hatten. Wir wußten, daß es noch eine jüdifche Jugend gab. Ein Jahr fpäter durfte einer unferer GefinnungsgenolTen diefe jüdifche Jugend im Turnen unterrichten/ er fand in ihr echt jüdifchen Geilt. Diefe und eine etwas ältere Jugend war es auch, die bei ihren Eltern erwirkt hatte, daß fie in der Nähe der Stadt eine Farm kauften, auf der fie fich als »Chaluzim« zum Landwirtsberuf für Palästina vorbereiteten. Ein zweites Mal war i«h im April 1918 in Werchne * Udinsk, als wir — einen Tag vor der Abreife aller deutschen Kriegsgefangenen aus Berefowka — unferen lieben GefinnungsgenolTen und Turnbruder Maymann aus Köln zu Grabe trugen. Auch da hat die Gemeinde ohne jede Rückficht auf politifche Bedenken ihre Leute und ihren filbergefchmückten Leichenwagen bereitwillig!!, zur Verfügung geftellt und hat unferm Maymann ein würdiges Begräbnis bereitet. Unvergeßlich werden uns allen die herzlichen Worte des Rabbiners fein, daß unfer Toter unter »Brüdern« ruhe. Der Friedhof liegt auf einem fandigen Hügel/ kein Baum oder Strauch ziert die geweihte Stätte. Ich fah über fechzig Jahre alte Gräber mit finnigen hebräifchen Infchriften. Die alten Grabmäler befanden aus großen Holz* kälten mit aufgefetztem Holzgiebel, die neuen aus fchmalen, fchlanken Granit- oder Marmorfteinen. Alle Gräber trugen ein Magen Dawid und waren wohl gepflegt. Etwas uns Juden völlig Fremdes fah ich auf diefem Gottesacker, nämlich auf jedem Grabmal die Photographie des Verdorbenen. Uebrigens hörte ich dort auch zum erften Male Klageweiber, die laut und herzzerreißend jammerten, als wir den Toten von der Halle zu Grabe trugen. Untere am folgenden Tage begonnene Abreife wurde fchon nach einem Tage, kurz vor Irkutsk, unterbrochen/ wir wurden gezwungen, im dortigen Lager zu bleiben. Irkutsk ift die Hauptftadt OnvSibiriens und hat eine große Judengemeinde. Da man uns eine baldige Weiterreife in Ausficht geftellt hatte, fo konnte ich in Irkutsk keinen längeren Aufenthalt nehmen, es wurde dies dann auch verboten. Immerhin habe ich bei meinem dreimaligen kurzen Befuch ftets die heften Eindrücke mitgenommen. Gemeinfam mit meinen GefinnungsgenolTen befuchte ich zunächft den jüdifchen Turnverein Makkabi. Es war ein Sonntag Vormittag, an dem ich dort war. Die Turnhalle fand ich ziemlich geräumig, Turngeräte waren Verhältnis* mäßig wenig vorhanden, weil der Verein erft feit kurzem gegründet war. Der Saal war mit blau~weißen Fähnchen und verfchiedenen Bildern nationaler Motive gefchmückt. In dem Saale befand fich auch die Bibliothek des Turnvereins, die Bücher in ruffifcher, jiddifcher und hebräifcher Sprache enthielt. Ein wertvoller jiddifcher Kalender »Kadimah« wurde mir bereitwilligft gefchenkt. Es war wenige Tage vor Lag b'omer und etwa fechzig junge Turner und Turnerinnen waren damit befchäftigt, hebräifche Lieder zum Feft einzuüben. Mit unermüdlichem Eifer und mit wahrer Herzensfreude war der Kantor bemüht, den Kleinften der Kleinen das frifche hebräifche Wanderliedchen »j'ladim z'u« beizubringen, mit dem fie am Lag b'omer auf die Datfcha <d. i. Sommerwohnung) zum fröhlichen Spiel hinaus* wandern Tollten. Es war ein beglückendes Gefühl, aus dem Munde diefer Kleinen Lieder in unferer Sprache zu hören. Die Kinder machten durchweg einen gefunden;

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