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Der jüdische Wille · 1919-02-01 · Heft 6 (Februar 1919) · page 48

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 6 (Februar 1919)
Date
1919-02-01
Page
– (sequence 48)
Language
German
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f.;T>1,^^^^^ GrzeßinafSj Eindrücke über Juden und Judentum 365 anmeldeten und der Behörde gegenüber perfönliche Bürgfchaft für fie übernahmen. Doch auch für ihre eigenen .fpeziellen jüdifchen Intereflen Tüchten fie gern ihre infolge des Krieges ftark verminderten Hilfskräftte aus unferen Reihen zu ergänzen. Sie übertrugen Zionilten die Gründung und Leitung von jüdifchen Turnvereinen und vertrauten ihnen auch den jüdifchen Unterricht ihrer Kinder an. So entwickelten fich immer reger werdende Beziehungen zwilchen uns und den Juden Werchne * Udinsks. Zu einer gemeinfamen jüdifchen Arbeit konnte es zwifchen uns im Lager und. den Juden der Stadt allerdings nicht kommen, weil trotz der Revolution doch unfere Abfperrung, wenn auch in weniger großem und minder kontrolliertem Maße, aufrecht erhalten blieb. Doch haben die Gefinnungs« genolfen, die in der Stadt lebten, regen Anteil am jüdifchen Leben genommen. Aber auch unfere geiftigen Bedürfnifle im Lager fuchten die Werchne * Udinsker Juden nach Kräften zu befriedigen. Sie liehen uns aus Privat« ^und Gemeinde* bibliothek jüdifche und hebräilche Bücher und Zeitfchriften. Wir gaben ihnen dafür gern alles modernjüdifche, was wir in uriferer kleinen jüdifchen Lagerbibliothek in deutfeher Sprache hatten. Nicht zuletzt forgten die Juden auch für unfere gefelligen Bedürfnifle. Die nationaUjüdifchen Vereine luden Uns zu ihren Feiten ein. Aber auch die einzelnen Familien öffneten den Einfamen gern ihr Haus. Noch am letzten Peßach ließ der Vorfteher der jüdifchen Gemeinde in der Synagoge verkünden, daß jeder Gefangene nach dem Gottesdienft ein gern gefehener Galt bei ihnen fei. Es gab keine Familie, die es fich nicht zur Ehre anrechnete, mehrere Gefangene bei Tifch zü haben, ja man riß fich förmlich um die Gälte. All das taten fie nicht etwa aus Mitleid, fondern aus dem angebornen jüdifchen Bedürfnis heraus, gerade am Peßä<h einen Galt am Tilche zu haben. So mancher deutfehe und öfterreichifche Jude hat bei diefer Gelegenheit zum erlten Male einen Sedertifch gefehen und hat den poetifchen Zauber des Sederabends auf fich wirken laflen. Es haben übrigens nicht wenige in den fibirißhen, oft * fehr gebildeten und intelligenten jüdifchen Mädchen ihre Lebensgefährtin gefunden. lieber das Leben, die Sitten und Gebräuche der fibirifchen Juden kann ich leider nicht berichten, da ich keine Gelegenheit hatte, mich längere Zeit in der Stadt aufzuhalten. Ich bin nur zweimal in Werchne^Udinsk gewefen. Doch was ich in der Eile und bei oberflächlicher Betrachtung wahrgenommen habe, reichte mir aus, um zu empfinden, daß ich mich in einer Gemeinde befand, die jüdilch war in Gefinnung und Tat. Das erfte Mal war ich zufammen mit einem Gefinnungs* genoflen, kurz vor der Revolution im März 1917, dort. Wir hatten den Auftrag, namens der jüdifchen Gefangenen unferes Lagers mit dem Rabbiner wegen der Peßachbeköltigung zu verhandeln. Ich hatte inzwifchen etwas hebräifch gelernt und vernichte es, fo fchlecht ich konnte. Es machte ihm erfichtlich Freude, einen deutfehen Juden hebräifch fprechen zu hören. Ich fuchte mir die Worte zufammen, indes er einfach und fließend fprach und mir nachfichtig jeden Fehler verzieh, mir auch im Ausdruck nachhalf. Er zeigte mir aus feiner großen' Bibliothek die Luxusausgabe der Bialikfchen Gedichte — er konnte mir damals noch nichts leihen, weil es keinen Weg gab, die Bücher wieder pünktlich zurückzufchicken, vor allem , aber, weil er fich vor dem uns begleitenden ruffifchen Feldwebel fürchtete, dem unfere Unterhaltung in einer ihm fremden Sprache ohnedies mißfiel. Doch gab er mir einen Th'nach mit, der uns für unfere Studien gute Dienlte leiftete. Ich fchied von dem Rabbiner in dem Bewußtfein, daß er mir noch viel mehr gefagt unet gegeben hätte, wenn er gedurft hätte. Die Korrefpondenz mit uns führte er felba> verltändlich auch in hebräifcher Sprache/ er kannte keine andere Bezeichnung für uns als »meine Brüder im Galuth«. Vom Rabbiner ging ich zum Schocheth, um Mittag zu eflen — ich wollte einmal nach, über zweieinhalb Jahren bei Juden eflen. Es war nichts vorbereitet, und wir mußten mit leerem Magen abziehen. Der Schocheth war ein einfacher Jargon fprechender Jude, in Tracht und Gebahren durch nichts von einem polnifchen Juden zu unterfcheiden. Ich habe kaum mehr als einen flüchtigen Blick in feine Wohnung getan, aber ich fah fie alle, unfere Großen, bei diefem einfachen Mann aus dem Volke : Herzl und Nordau, Bialik und Tfchernichöwski und viele andere.

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