Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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364 Grzeßinafri, Eindrücke über Juden und Judentum gafizifchef Zionift, der fich mit feinem Baracfecnruflen gut verband,, in ruffifcher Militärkleidung in die Stadt zu fahren und einen Brief an den Rabbiner mitzunehmen. In diefem Briefe fetzte ich unfcrc jüdifche Not auseinander und bat vor allem um Lehrbücher der hebräifchen Sprache. Aber fowoh! diefer als als auch ein'fpäterer Brief blieb unbeantwortet. »Charafcho« <d. i. »gut«), hatte der Rabbiner gefagt. Er war Zahnarzt und verfah, da er geiftig und jüdifch die bedeutendfte Und intereffiiertefte Perfönlichkeit der Gemeinde war, im Ehrenamt das Amt des Rabbiners. Als ich fpäter diefen prächtigen Menfchen kennen lernte, fein ausgeprägtes nationales Bewußtfein, fein warmes Eintreten für jede jüdifche Sache, feine Gefühle der Brüderlichkeit, die er für uns Gefangene und uns Zioniften befonders hegte, da wußte ich, mit welch fchmerzvollen bitteren Empfindungen er unfere Briefe gelefen haben muß und wie fchwer ihm feine ablehnende Haltung gefallen ift. Ich verfuchte mein Glück nunmehr auf andere Weife. In meiner Rotte (« Kompagnie) war ein ganz merkwürdiges Individuum Schreiber. Er war als Student wegen eines Verbrechens zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Infolge guter Beziehungen war es ihm bei Ausbruch des Krieges gelungen, nach über zehnjähriger Haft in das Heer einzutreten. Er war ein außerordentlich kluger Kopf, begeifterter Revolutionär, im übrigen ein Säufer und Morphinift. Diefer Rulle zeigte in feinen wenigen lichten Augenblicken fehr viel Verftändnis für unfere nationale Idee. Er verriet mir eines Tages, daß er viel in einer jüdifchen Familie in Werchne^Udinsk verkehre. Ich fchrieb wiederholt an die Familie. Endlich, nach langwierigen Verhandlungen", die faft ein halbes Jahr dauerten, wagte es diefe Familie, unszu helfen und uns durch jenen Ruflen zwei hebräifche Bücher zu fchicken. Die Möglichkeit zu ernfteren Studium war gegeben und zugleich eine Verbindung mit unteren Brüdern in der Stadt hergeftellt Freilich gab es ein Gebiet, auf dem die ruffifchen Juden mit Hilfe und unter Zuftimmung der ruffifchen Regierung uns jüdifchen Gefangenen ihre brüder~ liehe Liebe zeigen durften, und fie, haben von diefer Freiheit reichlich Gebrauch gemacht,- das war zur Erfüllung unferer religiöfen BedürfnilTe. Kurz vor Beginn eines jeden Feiertages erwirkten fie einen Erlaß der zuftändigen oberften Behörde, daß alle jüdifchen Kriegsgefangenen an den Feiertagen von jeder Arbeit zu befreien find. Ihr Bemühen war um fo anerkennenswerter, als befonders viel öfterreichifch* ungarifche Juden in Fabrikbetrieben befchäftigt wurden. Die ruffifchen Juden griffen aber auch felbft zu, insbefondere merkten wir dies zu Peßach. Unfere Verhältnis* mäßig kleine Nachbargemeinde übernahm noch , im Jahre 1916 die vollftändige Ofterverpflegung für über 20C0 jüdifche Gefangene. Sie verfah vier zu ihrem Bezirk gehörige Lager — in unferm waren damals über 1600 Juden — mit Mazzoth, Fleifch, Kartoffeln, Kochgeräten und allem Gefchirr, gegen einen kleinen Zufchuß feitens der Gefangenen. Die Gemeinde ließ die Lebensmittel auf Wagen zuführen, nach über 300 km entfernten Lagern. Dabei waren die Gemeinde* mitglieder für fich felblt und in ihrer Lebensführung durchaus keine fogenannte Frommen. Zu den Herbftfeiertagen fchickten fie uns Thorarollen, Schofar, Gebetbücher. Und wie es die fibirifchen Juden an uns getan, fo verfuhren nach den Erzählungen anderer Gefangener in den ruffifchen Lagern die ruffifchen Juden. Dies alles trotz des zariftifchen Regimes und der dadurch bedingten Erfchwerung. Es ift klar, daß die Revolution im März 1917 auch hierin vollftändigen Wandel brachte, wenigftens im erften Jahre. Was war gegebener, als daß die fibirifchen Juden, Nationaljuden ihrem ganzen Denken und Empfinden nach, die fofort nach der Revolution zufammen mit den anderen ruffifchen Juden die nationalen Forderungen des jüdifchen Volkes anmeldeten, ihre Freiheit auch uns zugute kommen lallen wollten? Zunächft bemühten fie fich, unfere äußere Lage zu verbeffern,- fie nahmen zahlreiche jüdifche Handwerker in die Stadt und gaben ihnen, gegen reichliches Entgelt und gute Verpflegung, Arbeit und Bel&äftigung. Bine Anzahl von Kaufkuten (teilten fie in ihren V«rkauf«läde« oder Büroräumen an und verfchafften ihnen auf diefe Weife menfchenwücdtg» Lebensbedingungen. Auch deckten fie folche Gefangene, denen es ihr« Goldmittel erlaubtes, auf eigene Kqften in der Stadt zu leben, mit ihrem Namen, indem fie fie als bei ihnen in Arbeit befindlich