Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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Grzeßinafcb,. Eindrücke über Juden-«n^ J^ntym 353 Auf meiner bald folgenden (echsundzwanzigtä^igfen Eifenbahnfahrstvon Moskau na,ch .unterem fibirilcfiLen, Laggr, hatte ich faß gar keine Gelegenheit, mit Juden in Beruhrurig zukommen. ,"wir fuhren an Zügen vorüber^ die gleich der deutfch«ruffifchen Bevölkerung aus den unteren Wolgagebieten audv Juden nach Sibirien führten. Es waren Flüchtlinge/ zumeirtaber Leute, die man aus pplitifchen. öründen aus Polen vertrieben hatte, pder auch jene Geifeln aus Galizien, die man zu hunderteri aus den eroberten galizifchea Städten in die Verbannung Ichickte/ meift hatte man dazu die Rabbiner oder Vorfteher der Gemeinde ,ausgefucht. War unfere Lage mit Rückficht auf die mangelhafte oder überhaupt fehlende Verf pflegung und die unmenschlichen Transportbedingungen, fchon verzweifelt genug, Towaren wir doch gegenüber jenen armen Juden die Glücklichen zu nennen. Wir waren immerhin Soldaten, waren im Felde abgehärtet und an Entbehrungen ge~ wohnt, dazu ftanden. wir theoretifch unter dem Schutz des roten Kreuzes und neutraler Gefandtfchaften. Die Ruflen hatten Gegenmaßregeln in der Behandlung ruffifdier Gefangener zu befürchten. Anders ftand es mit jenen Unglücklichen» In Viehwagen, bis zum Erlticken gefüllt, ohrfe Unterfchied des Gefchlechts und Alters, tagelang ohne Verpflegung, ohne Geld, ohne ärztliche Hilfe, ohne Kohlen oder Holz im Wagen, ohne warme Kleidung,, ohne Reifeziel ~~. fo fuhren fie in den fibirifchen Winter hinein. Krankheit und Tod waren die natürliche Folge/ der Tod war vielleicht kein ungern gefehener Galt in diefen Wagen. Dabei war es der jüdifchen Bevölkerung ftreng verboten, den durchreifenden Juden Hilfe zu leiften. Es war dies auch fchon deshalb erfchwert, weil die Flüchtlingszüge keine fahrplanmäßige Ankunft- und Abfahrtzeiten hatten und auch nur in weiter Entfernung von den Städten hielten. Als ich im Lager war, wurde mir von einem Fall erzählt, in dem ruffifche Soldaten eine Mütter, die ihr zwölfjähriges im Wagen geworbenes Töchterchen auf einer größeren Station jüdifchen Soldaten zur Beerdigung übergeben wollte, an ihrem Vorhaben zu hindern verfochten. Es foll fpäter zu blutigen Zufammenftößen zwifchen den ruffifchen Wachtmannfchaften und jüdifchen Gymnafiaften gekommen fein, die, von den jüdifchen Soldaten der früheren Station verftändigt, zur Bahn gekommen waren/um das Kind abzuholen. Wer die von Nafur zwar gutmütigen, aber mangels pekuniärer Nachhilfe in ihrer Eigenfchaft als Vorgefetzte oft fehr rohen ruffifchen Wachtmannfchaften kennt, wird diefe Szene für durchaus glaubwürdig halten. Was ich nunmehr, als ich endlich im Winter 1915 ins Lager Beresowka im Gouvernement Transbaikalien kam, über meine Beziehungen zu den fibirifchen Juden zu erzählen weiß, ift nicht viel. Denn wir waren in der erften Zeit, und fpäter insbefondere als zur »Intelligenz« gehörig, von jedem Verkehr mit der Außenwelt abgefchnitten. Trotzdem fcheint mir das Wenige zu einer Charakterifierung der Juden beizutragen.. Die unferem Lager am nächßen gelegene jüdilche Gemeinde war Werchne- Udinsk an der Strecke Irkutsk—Tfchtta, ein Städtchen von etwa 15000 Einwohnern mit etwa 100 jüdifchen Familien. Obwohl die Stadt nur wenige Kilometer vom Lager entfernt war, hielt das Kommando doch jegliche Zivilbevölkerung ftreng von uns zurück. Dies galt befonders -von der jüdifchen Zivilbevölkerung. Ihr hätte man jede menfchenfreundliche Betätigung uns gegenüber als Spionage ausgelegt — und da ein großer Teil der Juden nur auf Grund eines durch Beftechungen erkauften Wohlwollens dort wohnte, fo mußten fie im Verkehr mit uns befonders vorfichtig fein. So lebten wir faft über ein Jahr in der Nähe von Brüdern, von denen wir ahnten, daß es gute Juden fein müßten, die unfere feelifche und jüdifche Not mit uns empfanden, ohne daß wir zueinander kommen konnten. Unter den Ruflen, die fich im Lager felbft befanden, d. h. unter den Wachtmannfchaften und den Büroangeftellten> entdeckte ich zwar hin und wieder auch einen Juden. Doch gelang es mir nicht, in mehr als äußere Beziehungen zu ihnen zu treten. Meift fürchteten fie lieh aus begreiflichen Gründen, überhaupt mit uns Gefangenen ins Gefpräch zu kommen, dazu insbefondere mir, einem »Germanski«. Sie mögen darunter gelitten haben. Eines Tages wurden übrigens alle Juden aus den Schreibßuben und von den Kommandoftellen abgelöft und mußten zur Front. Inzwischen war der erfte Winter im Lager vergangen, und wir glaubten nicht mehr andie Möglichkeit einer Fühlung mit den Juden. . Da erbot fieb ein.