Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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362 &r%eßinafcfis Eindrücke über Juden und Judentum- Ahnungslofen! Gleich mußten fie mit diefen zufammen die Reife fortfetzen, denm die Deutfdien drängten. Ich. dachte all. JHttrszenbergs »Golus«. Dodb meine Trauer fbllte noch gefteigert werden. In einer ganzen Anzahl von Städtchen, die unmittelbar hinter der rufiffchen. Front oder auf der Rückzugs* linie des rumfchen Heeres lagen/ fand ich die chriftlicheh Stadtteile unverfehrt„ ihre Bewohner zwar auch in Mitleidenfchaft gezogen, aber im allgemeinen doch; in Sicherheit der kommenden Dinge harrend. Die Judenviertel hingegen waren niedergebrannt. Kahl und nackt ftanden die Mauern da, die jüdifches Elend, aber auch jüdifches Glück beherbergt hatten. Hier und da ein alter Jude mit fcheuen Blicken auf den Trümmern feines Lebens. Inmitten der fchwarzeri Häuferruinea aber ftanden weithin fichtbar die verkohlten Mauern der Synagoge. Selbft meine ungebildeten deutfdien Kameraden gaben ihrer Verachtung darüber in gräßlichen. Flüchen Ausdruck. Ich aber mußte an unfere Klagemauer denken. Ich fühlte unfern Tempel zerftört. Das Bild änderte fich erft, als ich fchon ziemlich fern von der Front durch die kleinen Städtchen wanderte, mit ihrem typifch jüdifchen Gefchäftsleben. Hielten wir auf dem Markt, fo konnten wir deflen ficher fein, in wenigen Minuten alle Juden und Jüdinnen auf uns zukommen zu fehen. Sie trieb nicht bloße Neugierde^ fie kamen, um zu helfen. Ihre erfte Frage war meift, ob »a Jid mang« fei. Ein Blick von mir genügte" ihnen als Antwort, und fchon brachten fie Elfen, Wäfche, Kleidungsftücke nicht allein für mich, fondern für alle »Plennes«/ wie fie uns Gefangene nannten. Sie ließen fich von der Ausübung ihrer Liebestätigkeit auch nicht zurückhalten, wenn fie, wie es oft vorkam, mit Schlägen und Kolbenflößen von der ftrengen Wachtmannfchaft ferngehalten wurden. Nur feiten gelang es mir, mit ihnen felbft zu fprechen. Denn es durfte nur in Gegenwart eines- Wachtmanns und nur in ruffifcher Sprache gefchehen, ich konnte aber kaum etwas polnifch. Faft alle diefe Juden warteten voll Ungeduld auf die Deutfdien. Sie erblickten damals noch in dem »Datfeh« den »Mefduech« für alle ihre Leiden. Ich erinnere mich noch befonders eines alten Mütterchens in Minsk, das uns Ausgehungerten aus dem offenen Fenfter Barches über Barches herausreichte — es war der erfte Sukkothtag ~ und dann mit Tränen in den Augen fagte: »Kinder*, eher, ich hob nicht mehr«. Nicht ohne Rührung gedenke ich auch jener vielen kleinen Städtchen, die ich während der Sukkothfeier durchwanderte. Da war ich plötzlich in jener ftillen Welt, von der Perez und Afch, Schalom Alechem und Mendele Mocher Sforim erzählen. Traumverloren lagen fie da, diefe Häufer. Alles Leben auf der Straße war erftorben. Hinter den Bretterzäunen der kleinen,, baufälligen Holzhäuschen lugte das Schilf von den Dächern der Sukkoth hervor. Denn waren die Männer auch weit weg im Felde, so hatten die Kinder die Sukkoth errichtet Aus den kleinen Fenlterchen mit den feftlich fauberen Vorhängen fchauten hier und da ein Paar große, fchwarze jüdifche fragende Mädchenaugen. Als ich fpäter, faft am Ende meiner Gefangenfchaft, das Bialikfche Gedicht »Eneha«/ in dem er die Tiefe und Stille der Frauenaugen befingt, kennen lernte, mußte ich immer an jene jüdifchen Mädchen denken,- die ich auf der Wanderung flüchtig gefenen hatte. Wie gerne wäre ich in einem solchen kleinen Städtchen geblieben, um, wenn auch nur einige Wochen, unter diefen einfachen, aber unverfälfehten Juden zu leben. Doch wir mußten weiter. Dennoch blieben diefe flüchtigen Eindrücke in meiner Erinnerung haften und begleiteten mich in die Tage der ungewilfen Zukunft. Nachdem unfere Wanderung in Smolensk, wo man uns in eine Kaferne eingefperrt hatte, beendigt war, fuhren wir endlich ab -* zunächft nach Moskau. Audi dort waren wir ftreng bewacht. In dem proviforifchen Lager fand ich bald beitätigt, was man mir von den Leiden der ruffifchen Juden erzähft hatte. Kurz nach uns kamen drei Juden hin, ein ehrwürdiger Greis und zwei jüngere,- fie flammten aus Kiew. Man hatte fie ein halbes Jahr vierzig bis fünfzig Kilometer wandern lafien, ,ohne Geld und regelmäßige Verpflegung, vor allem aber ohne Endziel, fie wanderten hin und her. Man hatte fie des Verrates befchuldig;t, konnte aber in keinem Gouvernement ihre Akten finden. Die fdirecklichen Ent* behrungen hätten fie auch mürbe gemacht fie beteten, Gott möge pe endlich einem Gericht zuführen, damit fie abgeurteilt würden. fl.