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Der jüdische Wille · 1919-02-01 · Heft 6 (Februar 1919) · page 44

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 6 (Februar 1919)
Date
1919-02-01
Page
– (sequence 44)
Language
German
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GrzebiHaßä, Eindrücke über Juden und Judentum 361 EINDRÜCKE ÜBER JUDEN UND JUDENTUM WÄHREND MEINER RUSSISCHEN KRIEGSGEFANGENSCHAFT Die Kriegsgefangenfchaft in Rußfand, das bis vor kurzem noch das Land der größten und entlegenften jüdifchen Siedlungen war, muß notwendigerweife einen jüdifchen Gefangenen auch in Berührung mit der jüdifchen Bevölkerung bringen. Diefe Beziehungen find allerdings rein zufälliger Natur,- werden fie aber gefacht und gewollt, so gewinnen fie allgemeines jüdilches IntereflTe. Soweit mich meine Erlebnifle während meiner dreiunddreißigmonatigen Kriegsgefangenfchaft mit Juden in Rußland zufammenführten, will ich die empfangenen Eindrücke zu fchildern verfuchen. '* Die Ruflen pflegten ihre Gefangenen meift nicht von der nächftgelegenen Bahnftation abzubefördern, fondern führten fie von Etappe zu Etappe, oft hunderte, ja taufende von Kilometern über Landßraßen und Feldwege fo lange, bis es einem befonders wohlwollenden Etappenkommandanten gefiel, die, denen es gelungen war, die Wanderung zu überftehen, zu verladen. Ich »wanderte« auf diefe Weife 750 km, von Selwa über Minsk, Borifow nach Smolensk durch das fogenannte Weißrußland, zuriächft nur mit zwanzig LeidensgenofTen, fpäter in einem größeren Verbände. In den' unzähligen Dörfern, durch die ich kam, fand ich nirgends einen Juden, fo fehr ich auch fragte und fachte. Sie durften dort nicht wohnen. Ich bedauerte fie nicht ob diefes AnfiedlungsVerbotes, denn die »bäuerliche« Bevölkerung lebt in außerordentlich dürftigen VerhältnilTen, dazu ift fie fehr fanatifth. Erft in unmittelbarer Nähe von Smolensk entdeckte ich den erften Dorfjuden/ er warHuffchmied, d.h. eigent* lieh war er Landwirt. Das Huffchmiedegewerbe übte er nur aus, um feinem Aufent« halte durch feine Eigenfchaft als »einziger Huffchmied des Dorfes« den Schein eines Rechts zu geben. Den Schmied felbft lernte ich nicht kennen, wohl aber feine Frau und eine feiner Töchter. Diefe konnte nur ruffifch,- die Mutter fprach jiddifch, aber fehr ftark mit ruffifchen Worten vermifcht, im übrigen mit lithauifchem Akzent. Die Tochter kam vom Felde heim, man fah es ihr an, daß fie tüchtig gearbeitet hatte. Ich wurde fehr freundlich aufgenommen und mit Tee, Himbeerfaft und Weißbrot bewirtet. Die Familie hatte keine höheren jüdifchen Intereffen, war aber doch gut jüdfleh und gottesfürchtig. Der Talithbeutel an der Wand Ichien wenigftens darauf hinzudeuten. Sie hatten einen einzigen Sohn, der in den Karpathen ge* fallen war. Sie wußten wenig von den Deutfchen und ihrem Befreiungswerk und dankten ihrem Schöpfer, daß fie noch trotz des Krieges in ihrem Heim bleiben konnten. Denn die Landftraßen, durch die wir zogen, boten damals das traurige Bild eines zurückflutenden Heeres und allen mit einem folchen Rückzug verbundenen Elends. Es war im Herbft 1915. Die Zivilbevölkerung flüchtete, die Soldaten hatten, entfprechend dem Ukas des Zaren, die Wohnftätten zerfrört, die Häufer eingeäfchert, die Saat zertreten und vernichtet, um den Deutfchen das Nachrücken zu erfchweren. Zu Taufenden floh die Bevölkerung mit ihrer einzigen beweglichen Habe auf dem Karren, hungernd und frierend. Immer zahlreicher wurden die eilig am Wege aufgeworfenen Gräber derer, die nicht mehr mit konnten. Doch immerhin tat die christliche Nächßenliebe fijr die Flüditlinge, was fie vermochte, indem in einer Entfernung von je einem Tagesmarfch Verpflegungsftatiqnen, fogenannte Punkte, errichtet wurden. Schlimmer war es aber um die jüdifche Bevölkerung beftelft. Sie hatte nicht einmal ein warmes Effert am Tage. Auf der aufgeweichten Ländftraße fehe ich noch heute einen mit allem Hausgerät be~ packten Wagen daherkommen. Auf dem Gerumpel fitzt sin alter Jude, Verzweiflung im Gsficht. Frau«n, Kinder und einige Männer gehan mit finßercm verftörten Blick mboa dem Wagen, oft raüfleo »eühn fchiebin hslfon. Wohin fuhr«a dief« Unglü&fidien? Zu den Brüdera in das Na&fetarßädfchea. Die

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