Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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Ltvinfoßn, Max Brods rdigiöfer Zionismus 349 wahr, daß der Jude lediglich religiös veranlagt ifi/ oder vielmehr die jüdilche Eigenart prägt lieh gerade darin aus, daß feine Religion wesentlich ethilch/nicht, wie Brod meint, ontologifch fundiert iß. Brods Weltgefühl mag Religion fein, jüdifch iß diele Religion nicht. Das Erlebnis an lieh-, die Liebe zum Volk, wird durch den bloßen Ge* danken an die Welt in keiner Weife berührt,- nicht, daß fich beides im Gefühl vorfindet, macht die menfehliche Tragik aus. Man braucht garnicht nach einem beftimmten Judentum zu fuchen, aber man wird diefe Thefe infiinktiv als unjüdifch ablehnen. Das, worauf es de« Juden ankommt, ifi die Tat. Das Erlebnis trägt für ihn geradezu die Tendenz in fich, zur Wirklichkeit zu werden. Darum find die Liebe zum Volk und das Streben nach der Welt nicht Gegenfätze, die fich aufheben, fondern Funktionen der menfthlichen Seele, die fich gegenfeitig bedingen und vorausfetzen. Die Welt ifi mir nichts ohne die Schönheit, die ich in fie hineinlege, und die Liebe zu meinem Volke nichts ohne die Welt, in der ich fie geftalte. Kraft und Gefialt find die Grundpfeiler der Kultur. Das aber nenne ich Politik: die Forderung meines nationalen Ichs in der Wirklichkeit/ das um* faßt alles, was geeignet ifi, meinem Volk denjenigen modus vivendi in der Welt zu fchaffen, den die Liebe zu meinem Volke fordert. •In diefem Sinne ist Politik allerdings der Versuch, das nationale Ich in der Welt efureßzufetzen. Wenn Buber <»Der Jude«, 3 Jahrg. Heft 3, S. 102) die Durchfetzung des jüdifchen Volkes in der Welt aus dem wahrhaft nationalen Pflichtenkreis aüsfeheidet und doch »Gefialtung« fordert, fo zeigt fich eben darin, daß es ihm nicht auf das Volk als folches, fondern wesentlich auf feine »Kultur« ankommt. Darum wird der Zionismus eine Erneuerung unferer Kultur felbft* verfiändlich zur Folge haben. Aber Kultur kann nur aus Kultur eatftehen, wie Leben überhaupt nur aus Leben. Jede jüdifche Kultur ifi darum eine Totgeburt, die nicht aus der Totalität unferes Wefens, fondern aus Zweckeinrichtungen irgendwelcher Art fließt. Politik im wahren Sinne erfchöpft fich nicht in der Abhaltung von Konferenzen,- fie ifi felbft ein konfianter Faktor jeder echten Kultur. Politik ifi ebenfo Sache des einzelnen — denn jeder einzelne ifi das Volk — wie der wenigen Auserwählten, denen politifcher Erfolg befchieden ifi. Das eben ifi die wahre Tragik des Lebens, daß dem einzelnen die Kraft verfagt ifi, das Leben fo zu geftalten, wie die Idee es fordert,- und diefe Tragik muß jeder in der Tat durchkofien. Manche, ja alle werden in Augenblicken verzweifeln, nicht weil ihrem Erlebnis die Welt gegenüberfieht, fondern weil es nicht möglich ifi, die Welt ganz zu überwinden. Das vermag nur das Genie. Aber kein Volk, und am aller* wenigften # unfer Volk, wird ein Genie hervorbringen, wenn nicht die Kräfte des Volkes fiändig angefpannt werden, wenn nicht jeder einzelne fich fiändig bemüht, ein Mann zu fein, wo kein Mann da ifi, wie ~es in den Sprüchen der Väter heißt. Jeder einzelne fühle in fich die Verantwortung für die Zukunft feines Volkes,- dann,