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Der jüdische Wille · 1919-02-01 · Heft 6 (Februar 1919) · page 28

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
I (1918-1919)
Issue
Heft 6 (Februar 1919)
Date
1919-02-01
Page
– (sequence 28)
Language
German
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■ . r ■ I Ltvinfoßn, Max Brods religiöfer Zionismus 345 Brods Weg iß folgender. Ausgehend von den Regungen der einzelnen menfchlichen Seele entwirft er im Anfchluß an einen Artikel von Felix Weltfch im »Ziele zunächß ein Apercu ohne jede» fpezififch jüdifdien Inhalt. In jedem menfchlidien Gefühl, fagt erf finden lieh zwei Tendenzen. Die eine iß wefentlich zentripetaler, die andere wefentlich zentrifugaler Natur. Jene macht das menfch* liehe Gefühl zu einem Ding an fich,- es iß in diefem Stadium Er* lebnis, es will nichts Anderes als fich und erfchöpft fich in fich felbß/ es iß Liebe an fich, Glück in fich felbß, Ruhe und Frieden, es ift vollkommen — für fich. Nun aber gefeilt fich diefer Tendenz eine zweite zu, die ihren Frieden rettungslos vernichtet. Die Liebe kann nämlich für fich nicht beßehen, es drängt fich ihr der Gedanke an die Welt auf, und damit iß fie entwertet, entweiht, vernichtet. Sie will für fich beßehen und glaubt an ihre Vollkommenheit, die Welt aber läßt ihr keine Ruhe, zieht fie beßändig in ihren Bann, und die Vollkommenheit bleibt ein fchöner Traum. » Der Augenblick aber, in dem Liebe und Welt zufammen* fioßen, iß der Beginn aller menfchlidien Tragik. Das Streben nach Vollkommenheit, diefer Kern alles religiöfen Lebens, erleidet hier unrettbar und für immer Schiffbruch. Ohne Liebe und Welt zu leben iß für den Menfchen nicht möglich,- beide fuchen fich in ihm wider feinen. Willen,- aber auch eine Vereinigung gelingt ihm nicht, da fie notwendig einander aufheben. Iß es alfo möglich, Menfch zu fein? Nein. Und was bleibt übrig? Ein fchmaler Pfad. Hier aber ßehen wir am Scheidewege, hier offenbart fich Judentum und Nichtjudentum. Wohin führt der fchmale Pfad? Nach oben, meint das Chrißentum. Man muß verzweifeln,- es iß nicht möglich, Menfch zu fein,- also hoffen wir auf das Jenfeits. »Lasciate ogni speranza« ßeht nicht nur am Eingang zur Hölle, fondern am Eingang des chrifilichen Lebens überhaupt. Ganz anders der Jude. Auch er verzweifelt, oder er foll es jeden* falls. Kein Friede, fpricht Gott, den Frevlern! Kein fauler Friede! Kein ruhiges, fattes Glück! Wacht auf, ruft Hamän, das Gewifien Mordechais. Wacht, und hört auf zu beten! Seid ganz durchdrungen von dem tiefen Weh des Menfchenleides, laßt euch ganz erfchüttern von der tiefen Tragik der menfchlidien Seele. Verzweifelt! .Und doch — verzweifelt nicht! Es muß für den Juden eine Löfung geben, hier auf Erden. »Aus diefer Erde quellen meine Freuden und diefe .Sonne fcheinet meinen Leiden.« So muß es auch eine Rettung in der Welt geben! Welche? Das fagt Haman nicht, und das fagt auch Brod nicht, will und kann es nicht fagen. Er ^eigt uns, daß beides fiets im Juden vorhanden war. Liebe und Welt, Erlebnis und Leben, Seele und Gefetz und das Bewußtfein des tiefen Gegenfatzes beider, das Bewußtfein der tiefen Tragik des Lebens, das Bewußtfein, mit diefer Tragik leben und für ihre Löfung kämpfen zu mülfen, das iß jüdifches Weltgefühl, iß Judentum.

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