Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/2827066-2827067-2827073--0368-2827469- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
344 Levinfofin, Max Brods religlöfer Zionismus fcefondere die reine prophetifche Idee; fowohf hinfiditlicfi ihrer metaphyfifchen, als auch ihrer ethifchen Beßandteile: der Gott der Propneten und fein Sittengefetz. Was hier als Judentum verkündet wird, unterlcheidet (ich von dem Judentum der Affimilation vor allem durch die nationale Färbung und die nationale Forderung,- überhaupt beßeht ja das unzweifelhafte Verdienß Achad Haams darin, dem Zonismus einen nationalen Willen zur bewußten Grund* kge gegeben zu haben. Hier liegt nicht die Abficht vor, die das Affimilationsjudentum zu feiner inhaltlich gleichen Thefe führt, die Abficht nämlich, aus der jüdifchen Religion eine emanzipationsfähige feraelitilche Konfeffion zu machen,- fondern der Kern des Syßems beruht gerade in dem Gedanken, jener Ideenkomplex fei altes Nätionalgut und müffe als folches -ernahen werden. Die Trennung von der jüdifchen Konfeffion iß noch fchärfer bei Martin Buber durchgeführt. Hier iß Judentum zwar auch ein hißorifcher Wert, aber nicht im materielle^, fondern im formellen Sinne. Es iß nicht die Idee, worauf es ankommt, fondern der Geiß, der ficfa in diefer Idee verkörpert. Buber fieht diefen Geiß in einer befiimmten Art jüdtfcher Ethik und glaubt feine Erhaltung um fo mehr als Ziel und Zweck des Zionismus anfetzen zu müflen, je weiter Geh eben dadurch das nationale Judentum in feiner Sonderart von den wefensfremden Occidentalen fowohl, wie von dem inhah> lieh an Formeln oder Abßraktionen gebundenen Affimilanten entfernt. In diefer Entwicklung bedeutet nun Brods Weg in der Tat eine neue Stufe. Sein Judentum iß überhaupt nicht mehr hißorifch abgeleitet, weder materiell noch national. Es iß ein Prozeß im einzelnen, in der Gegenwart. Gewiß, diefer Prozeß mag auch in Jeremia und David fiattgefunden haben,- aber nicht das macht ihn zum Judentum, fondern die Tatfache allein, daß es Juden find, die ihn erleben, Menfchen jüdifcher Art. Ein weiteres Charakterißikum des Brod'fchen Judentums iß darin zu finden, daß es nicht ethifch, fondern metaphyfifch bafiert iß. Es iß nicht, wie bei Achad Haam und bei Buber, eine Tdfderung an den Menfchen, fondern ein ErfeSnis im Menfchen,- es ruht in fich und erfchöpft fich in fich,- es iß wefentlich ontologifcher Natur, wenn auch Anfätze zu einer auf diefer Metaphyfik aufgebauten Ethik vorhanden find. Es iß, mit einem Wort, nicht wie bei Achad Haam, »Weltanlchauung« oder, wie bei Buber, »Lebensanfihauung«, fondern — etwas Neues in der jüdifchen Geißesgefchichte — »Sffdtgefö/ih. Man wird diefes Judentum modern nennen müffen/ es fpielt vollkommen in der Gegenwart, wie feine Königin Efiher und fein Jude Haman in der Gegenwart leben. Das Judentum iß zu einem modernen Problem geworden, und modern find auch feine Grund* lagen. Aber nicht daß fich im »Ziek Gedanken ähnlicher Art finden, macht diefes Judentum modern, fondern die unbeßreitbare Tatfache, daß diefc Probleme eben die Probleme des modernen Menfchen find.