Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/2827066-2827067-2827073--0352-2827453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
328 BartHj Juden und Judenpolitik IV. DEUTSCHE MASSNAHMEN: ORIENTIERUNG DURCH OCCIDENTIERUNG Wie follte man den Problemen zu Leite gehen, die bei der Behandlung der jüdifdhen Dinge Löfung heifchen? Das Judentum desorganifiert, uneinig unter (ich, unter einer feindlichen Umgebung lebend und einer neuen politifchen Entwicklung entgegengehend! Die deutfche Verwaltung hat die Gabe, fich fchnell unbeliebt zu machen. Sie hat zweifellos in Polen eine Menge Mißftände iefeitigt, hat ja auch das Edikt vom 5. November 1916 erlaflen, mit dem das Land felbftändig wurde, und hatte doch die ganze Zeit hindurch kaum irgendwo einen Freund. Schuld daran trägt vor) allem die Vielregiererei. Küraffierftiefel und fpanifcher Stiefel. Was nun die Stimmung der Juden gegen die deutfche Ver* waltung eingenommen hat, liegt ebenfalls an einer fehr deutlchen Unfitte, nämlich der, die anderen immer nur als Objekte zu behandeln. Dies wurde in viel radikalerer Weife durchgeführt, als etwa den Polen gegenüber, die wenigftens gehört wurden, ehe man feine Maßnahmen traf. Anders bei den Juden, denen ganz plötzlich die mehr oder weniger erwünfchten Gefchenke in den Schoß fielen. Selbft das Organilationsftatut, ihre magna charta, wurde veröffentlicht, ohne daß fie von dem Inhalt, ohne daß fie fogar von der Tatfache der Ausarbeitung vorher etwas wuß ten, Ebenfo war es bei anderen Gefetzen, wie z. B. dem über das Schulwefen, wo man auch ausfchließlich mit Polen konferierte. Bei der Ernennung des erften Staatsrats wurde mit den polnifchen Parteien lange Zeit liebevoll verhandelt, um die jüdilchen Stimmungen kümmerte man fidi fo wenig, daß man als einzigen Juden den Mann hineinnahm, deflen Ernennung alle jüdilchen Parteien in eine Raferei verfetzen mußte und gegen den unmittelbar vor der Publizierung der Lifte fogar von affimilatorifcher Seite fchärfftens proteftiert wiirde! Dieser Vertreter des Judentums, der feine Kinder hat taufen lalfen, hat fich fein Lebtag noch nie um irgendwelche jüdifchen Dinge gekümmert. Die Entfchuldigung, man habe die an fich fchon (chwierigen Verhandlungen mit den Polen nicht noch mehr komplizieren wollen, kann natürlich den Vorwurf nicht entkräften, daß mit den Interelfen der Juden Schind* luder getrieben worden ift. Übrigens waren auch alle Richtungen darin einig, daß belfer kein Jude als dieser im Staatsrat ge* felfen hätte. Hätte es anders fein können, als daß die Juden, denen man die Berückfichtigüng ihrer Interelfen feierlichft verfprochen hatte, im höchlten Grade erregt waren und daß alle zu ihren Gunßen ge* troffenen Maßnahmen, wie die Ordnung ihrer verworrenen Rabbinats* und Gemeindeverhältnilfe, Sorge für Hygiene in Chedarim und Betlokalen, Aufhebung von gefetzlichen Ausnahmebefiimmungen gegen