Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- I (1918-1919)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Barth, Juden und Judenpolitik 327 mein haben. Der von der Volkspartei ins Leben gerufene Schul* und Bildungsverein unterhält eine Reihe von Kindergärten und Volksfdhulen, in denen die jüdifdhe Sprache vorherrfcht, die fozia* lißilchen Organifationen find trotz aller Programme dagegen auf dem Gebiet der Schule nur fehr wenig tätig. Unterricht in Bibel, Religion und Hebräifch fehlt gänzlich, jüdifche Werte werden alfo den Kindern kaum vermittelt. III. JUDEN UND POLEN Wer während der Okkupation im Lande war, ßand falfungs* los vor der Intenfität des HalTes, mit der die Polen aller Parteien den Juden gegenüberftehen. Heute, nachdem die Meldungen von den fchauerlicfaen EreignilTen in Polen und Galizien in der ganzen Welt Abfcheu hervorgerufen haben, kann man es fich erfparen, dies Thema ausführlich zu behandeln. Nur darauf fei hingewiefen, daß die gewöhnlich dazu beigebrachten hißorifchen Erläuterungen falfch find. Es iß natürlich nicht fo, daß das Land Jahrhunderte lang eine Hochburg der Toleranz war und ein eigenmächtiges Vor* gehen der Warfchauer Juden bei den Dumawahlen plötzlich einen wahnfinnigen Haß habe emporzüngeln lallen. So vollziehen fich folche Wandlungen nicht. Schon bei jenen Wahlen haben die bürgerlichen Parteien in der zu 40 % aus Juden beßehenden Haupt* ßadt einen ausgefprochenen Antifemiten aufgeßellt und alle Vor* fiellungen cler jüdifchen Wahlmänner haben den Kandidaten nicht dazu veranlagen können, feine Stellung zu den Ausnahme* befiimmungen gegen die Juden zu ändern. Dennoch haben die Juden keinen eigenen Kandidaten aufgeßellt —' der bei der Zerfplitterung der polnifchen Stimmen gute Ausfichten gehabt hätte, fondern fie haben dem Sozialißen zum Sieg verhelfen. Auch die ökonomißhen Gründe können die Judenfeindßhaft nicht erklären. Polen iß eben das wohl einzige Land, in dem es eine liberale Partei überhaupt nicht gibt. Um die Judenfrage herumzukommen, geht nicht an. Das Land hat 15 % jüdifche Bevölkerung, die Städte find zu einem Drittel bis zu drei Vierteln von Juden bewohnt. Eine Alfimilation iß nicht denkbar. Selbß wenn der Wille dazu beßände, wäre fie praktifch nicht durchführbar, fie würde bei der geißigen Regfamkeit der Juden nur zu einer Verjüdifchung der polnifchen Kultur führen» Aber der Wille zur Alfimilation beßeht nicht einmal bei den Polen, die die Juden nach Kräften von den Schulen ausfchließen und in der erßen von ihnen gefchaffenen Univerfität in Lublifl unfere Stammesgenolfen offiziell vom Befucb ausfließen. Dennoch aber wäre es nun auch falfch, die Judenfeindfchaft nur auf nationale Gründe zurückzuführen. Der polnifche Antifemit iß ein Amokläufer, der nach allen Seiten um fich fchießt und —- das fei zum Schluß noch-feßgefiellt — auch in religiöfer Beziehung die größte Into* leranz zeigt.